Holocaust-Opfer im Bundestag
Eine 92-jährige Überlebende mahnt drängender denn je, nicht zu vergessen.
VON GREGOR MAYNTZ
BERLIN Am Arm des Bundespräsidenten kommt Anita Lasker-Wallfisch (92) in den Plenarsaal des Bundestages. Ihr folgt ihre 94-jährige Schwester Renate Lasker-Harpprecht, gestützt von der First Lady und der Kanzlerin. Mit den beiden Frauen betritt Geschichte das Parlament. „Rapide verschwindende Augenzeugen der Katastrophe“, sagt die Frau, die zum Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den europäischen Juden nach Berlin gebeten wurde. Um zu sagen, was war.
Sie hat ihren Teil gegen das Vergessen seit vielen Jahren geleistet, in denen sie ihren Eid brach. Als sie nach dem zufälligen Überleben des Holocaust ihr Heimatland endlich verlassen konnte, hatte sie sich geschworen „nie mehr wieder“ einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Sie habe „alles Deutsche gehasst“. Dann aber gemerkt, dass man sich „mit Hass nur selbst vergiftet“. Nun reist sie im hohen Alter durch die Republik, um Zeugnis abzugeben.
Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat zuvor leidenschaftlich „vor jeder Form von Ausgrenzung“ gewarnt und dies mit den Worten „bevor es zu spät ist“ ergänzt. Das unterscheidet das Holocaustgedenken 2018 von dem in früheren Jahren. Der Vorsatz, den „Anfängen wehren“ zu wollen, klingt nach Jahrzehnten der gebetsmühlenartigen Wiederholung plötzlich bedrückend. So als seien die Anfänge schon verpasst. Die AfD verzichtet auf Provokationen, klatscht zumeist mit. Nur an zwei Stellen nicht. Als Schäuble diejenigen kritisiert, die vom „Volk“ sprächen, aber nur einen Teil der Bevölkerung meinten. Und als Lasker-Wallfisch davon spricht, wie sich für sie und ihre Schwester damals die Grenzen schlossen und die „mutige, menschliche Geste“ würdigt, in der Deutschland heute seine Grenzen öffne. Da rührt sich bei der AfD keine Hand.
Den Lasker-Schwestern hat die Verhaftung auf der Flucht aus Deutschland vielleicht das Leben gerettet. Von den Nazis als Verbrecher behandelt zu werden statt als Juden, habe Vorteile gehabt, nämlich zum Gefängnis geführt zu werden – und erst später ins Konzentrationslager von Auschwitz.
„Thank you“, schließt die Überlebende mit Dank an den Bundestag für sein Gedenken. Alle erheben sich. Und einer spielt Cello. Ihr Sohn Raphael Wallfisch.