Die Rheinoper verdient einen Neubau
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Eine Sanierung des Rheinopern-Nachkriegsbaus aus den 50er Jahren in der Düsseldorfer Innenstadt dürfte nach Schätzung von Fachleuten mehr als 100 Millionen Euro kosten.   
ANALYSE Erneut ist das Zwei-Städte-Institut für einen begehrten internationalen Opernpreis nominiert. Sein Sängerensemble steht als eines der besten der Welt da – und das Ballettfach ebenfalls. Eine spannende architektonische Lösung wird ein Magnet für altes und neues Publikum sein.
Von Wolfram Goertz

Es sind Bilder in die Welt gedrungen, eines spannender als das andere. Sie malen uns Visionen eines glänzenden, von Licht gefluteten Baus, imperial an seinem angestammten oder einem gänzlich neuen Ort ragend. Man vergleicht diesen Bau schon mit Sydney oder Kopenhagen oder Oslo, wo ähnliche Gebäude entstanden sind und alle Blicke auf sich ziehen. Doch sind diese Opernhäuser – um solche handelt es sich – wirklich so bedeutend? Und braucht die Düsseldorfer Rheinoper zwingend einen ähnlichen Neubau?

Das angejahrte Haus an der Heinrich-Heine-Allee ist marode, die Dimensionen sind unpraktikabel, die Akustik ist schwierig, weil das Bühnenportal zu weit hinten steht, Seitenbühnen fehlen gänzlich, Elektrik und ähnliche Software sind chronisch reparaturbedürftig – kurzum: Man muss das Haus erneuern, und zwar nicht per Sanierung. Wo aber eine neue Rheinoper entstünde, das erregt momentan die Gemüter. Im Hafen? Am Landtag? Oder am jetzigen Platz gegenüber von Kunstsammlung und Kunsthalle?

Noch gar nicht gefragt wurde: Verdient die Rheinoper einen solchen Neubau überhaupt? Und wo steht das Institut innerhalb des nationalen und internationalen Koordinatensystems?

Einige Details führen uns diesen Leistungsstand eindrücklich vor Augen. Martin Schläpfer, der Ballettchef, hat für 2020 den Ruf ans Wiener Staatsballett angenommen, eine nachdrückliche, fast ultimative Prämierung seiner eindrucksvollen Arbeit. Axel Kober, der Generalmusikdirektor der Rheinoper, hat soeben Wagners „Ring“ an der Wiener Staatsoper dirigiert und höchstes Lob des Publikums, der Kritiker und – was am stärksten wiegt – des Orchesters, der Wiener Philharmoniker, bekommen.

Sodann ist es gar nicht lange her, dass Stefan Herheims Inszenierung von Bergs „Wozzeck“ für den „Theater-Faust“ nominiert war (und im Finale nur knapp scheiterte). Und soeben wurde die Deutsche Oper am Rhein für einen der „International Opera Awards 2019“ nominiert – in der Kategorie „Opera Company“ neben der Oper Göteborg, der Houston Grand Opera, der Opéra National de Paris, der Opera Vlaanderen und dem Theater an der Wien. Das sind Konkurrenten von Weltrang. Die Preisverleihung findet am 29. April in London statt.

Tatsächlich zeichnet sich das Ensemble der Rheinoper durch seine gewaltige Reputation aus. Es gibt kaum einen der großen Opernsänger deutscher Sprache, der nicht irgendwann eine Mietwohnung in Düsseldorf bezog, eben weil er diesem Ensemble angehörte – oder zumindest hier gastierte. Noch heute könnte das Haus etliche Rollen mehrfach besetzen; durch die Doppelbespielung von Düsseldorf und Duisburg ist es indes auch ein wahrer Umschlagplatz von Stücken.

Natürlich produziert das Haus nicht ein Highlight nach dem anderen, und nicht alles gefällt jedem. Opernbesucher mit eher historisch fokussierten Sehgewohnheiten werden Inszenierungen aus dem Geist der rasanten Aktualisierung schrecklich finden, wogegen es wieder anderen fast nicht rasant genug ist. Kein Zweifel kann herrschen, dass der neue „Ring“ trotz Schwächen eine sehr anregende, berührende Produktion ist – und niemand wird bezweifeln, dass hier Sänger von allergrößter Güte singen. Einen Hagen wie Hans-Peter König beispielsweise findet man landauf landab kein zweites Mal. Und welches Haus von Welt hat gleich zwei Spitzenorchester parallel, die Düsseldorfer Symphoniker und die Duisburger Philharmoniker?

Manche Fachleute bedauern, dass die Rheinoper selten bei Kritikerumfragen etwa in der „Opernwelt“ vorkommt. Das hat mit dem verschleierten Blick der Branche auf NRW zu tun. Für einen Münchner Rezensenten etwa ist hier irgendwie alles Bonnkölndüsseldorfduisburgessenruhrgebiet, für das er den Mut zur Trennschärfe entwickeln müsste. Freilich, für die recht neue „Butterfly“ muss niemand anreisen, nicht mal aus Ratingen; dafür ist Thalheimers „Otello“ eine Sensation, die international durchschlägt. Dass das Haus keine einzige Janácek-Oper im Repertoire hat, ist ein planerisches Unding. Die permanent ausverkaufte „Zauberflöte“ dagegen bewährt sich als Meilenstein, wie man ihn nur alle Jubeljahre im Terrain findet.

Somit: Düsseldorf befindet sich in der Champions League der internationalen Opernhäuser und Tanzcompagnien, hierzulande vergleichbar mit München, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Stuttgart – nur eben mit deutlich höherer Produktionsleistung. Wenn das Haus weiterhin jeden Abend weit mehr als 1000 Gäste beglücken will, braucht es ein Gefäß, das dieser Leistungen würdig ist und sie adelt. Die ersten Entwürfe hiesiger Architekten und die Resonanz zeigen, dass das neue Opernhaus mit Augenmaß, aber auch mit Mut zur großen Lösung geplant werden muss.

Damit sich nach dem Warten der Satz des Gurnemanz aus Wagners „Parsifal“ erfüllt: Zum Raum wird hier die Zeit!

Info
Letzte Sanierung kostete 30 Millionen Euro

Sanierung Die Rheinoper erlebte vor dreizehn Jahren bereits den Ernstfall einer Sanierung (30 Millionen Euro). Damals zog die Düsseldorfer Oper für ein Jahr in die Behelfsspielstätte ROM (RheinOperMobil) am Fernsehturm um.

Aufführungen Die nächste Düsseldorfer Premiere ist Gounods „Roméo et Juliette“ am 30 März.