Ein Mann gegen den Tagebau
Fotos: Christian Albustin
Reinhard Noffke setzt sich gegen den Braunkohletagebau ein. Mit einer Plakataktion in der Umgebung will er auf die Zerstörung aufmerksam machen.    
Reinhard Noffke geht von Tür zu Tür und verteilt Postkarten, auf denen Orte abgebildet sind, die der Kohletagebau verschluckt hat. Aus den Entwicklungen in letzter Zeit schöpft der Mönchengladbacher die Hoffnung, weitere Zerstörungen aufhalten zu können.
Von Christian Albustin

MÖNCHENGLADBACH/ ERKELENZ | Es nieselt, acht Grad, grauer Himmel. Ein ungemütlicher Novembertag. Reinhard Noffke geht in seiner Mittagspause in einem Erkelenzer Wohngebiet von Tür zu Tür. Klingelt, wartet, ob jemand aufmacht und sagt: „Entschuldigen Sie bitte die kleine Störung.“ Dann drückt er seinem Gegenüber eine Postkarte in die Hand. Darauf abgebildet sind die Orte Immerath, Borschemich und Keyenberg. Auf zwei Fotos ist der Abriss der dortigen Kirche zu sehen. Zwei der drei Gemeinden sind dem Braunkohletagebau in der Gegend schon zum Opfer gefallen. Die dritte soll bald folgen. Mit seinen Postkarten will der Mönchengladbacher auf die Zerstörung aufmerksam machen, will den Braunkohletagebau stoppen. „Ich glaube, dass es noch Hoffnung gibt.“

Vor etwa eineinhalb Jahren hatte der kaufmännische Angestellte genug, wollte nicht mehr untätig bleiben. Seitdem hat er 10.000 Karten verteilt, die nächsten 2.500 sind gedruckt. Die Menschen, denen er sie gibt, sollen sie an Bekannte, Freunde und Verwandte schicken – egal, wo diese wohnen. „Wenn man das nicht direkt vor der Nase hat, bekommt man das gar nicht mit, habe ich die Erfahrung gemacht“, sagt Noffke. „Oder wer weiß hier schon, wie es im Lausitzer Tagebau aussieht?“.

Bei den ersten zwei Häusern scheint niemand da zu sein. Noffke notiert sich das in einer Liste, dort will er dann ein andermal vorbeischauen. An der dritten Tür macht eine junge Mutter auf, ihr Sohn kommt gerade mit dem Tretroller nach Hause. Ein kurzes Gespräch, die Frau kennt die verschwundenen Orte und hat Bekannte, die dort wohnten. Sie nimmt fünf Postkarten, fragt, ob sie dafür etwas bezahlen muss. „Nein, Sie müssen nicht. Sie können etwas geben, die Karten bekommen Sie aber so“, sagt Noffke.

Die Karten hat Noffke, der im Wickrathhahn wohnt, auf eigene Kosten drucken lassen. „Ich bin Briefmarkensammler, ich habe dafür einfach ein paar Briefmarken verkauft“, sagt Noffke mit einem Schulterzucken. Das eine Erlebnis habe es für ihn nicht gegeben, das ihn dazu bewegte, mit der Aktion anzufangen. „Es waren eher viele kleine Dinge“, sagt er. Schon mit 14 in der Schule habe er erstmals Texte über Umweltverschmutzung gelesen. Dass nicht jeder im Angesicht der Klimakrise hochspringt und aufschreit, dafür hat er Verständnis. „Viele stecken in einem Hamsterrad, fühlen sich machtlos.“ Noffke selbst gehört zwar keiner Partei an. Eine aktuelle Plakataktion wird aber von den Grünen, dem Nabu und den Initiativen „Buirer fuir Buir“ und „Alle Dörfer bleiben!“ unterstützt. Die Plakate hängen im ganzen Umkreis der Braunkohleregion zwischen Köln und Düsseldorf.

Am nächsten Haus gibt es nur eine Sprechanlage. „Das macht es natürlich schwieriger“, sagt Noffke. Und prompt wird er direkt abgewimmelt. „Nein danke, das möchte ich nicht“, tönt es aus dem Lautsprecher. Ein Klicken und Schluss. Ein Gespräch kommt so gar nicht erst zustande, die Postkarte mit den halb abgerissenen Kirchen und leeren Orten darauf kann ihre Wirkung nicht entfalten. „Wenn das nur so laufen würde, hätte ich bestimmt schon lange hingeschmissen“, gesteht Noffke. Aber zum Glück erhalte er von den meisten Leuten positive Reaktionen. Und auch wenn jemand anderer Meinung sei, sich aber auf ein Gespräch einlasse, sei das für ihn etwas Gutes.

Obwohl Noffke evangelisch ist, freue er sich sehr über den aktuellen Papst, der den Umweltschutz so dringend einfordere. Dass die Erkelenzer Pfarrei die Kirchengebäude in den Tagebaugebieten mit so wenig Widerstand aufgegeben habe, damit tue sie sich keinen Gefallen. „Ich bin entsetzt, dass die Kirche da so zaghaft ist.“ Dabei sei es doch ein absolut konservativer Standpunkt, die Schöpfung bewahren zu wollen.

Die letzte Tür vor Ende der Mittagspause öffnet eine Frau mittleren Alters. Erst schaut sie skeptisch, dann ist sie nicht mehr zu bremsen. Gut, dass sich jemand dafür einsetze, sie ärgere sich auch immer über die Umweltverschmutzung und den Müll, der überall herumliege, wenn sie mit ihren zwei Hunden spazieren gehe. Und über Klimawandelleugner ärgere sie sich noch mehr. Gute 20 Minuten tauschen die beiden ihre Erfahrungen aus. So viel Zuspruch tut Noffke gut. Er lässt den Braunkohlegegner auch bei schlechtem Wetter weiter von Tür zu Tür ziehen.

Auf den Postkarten, die Noffke verteilt, sind die Orte Immerath, Borschemich und Keyenberg abgebildet.
Christian Albustin
Info
Noch fünf weitere Orte werden umgesiedelt

Umsiedlung Noch in fünf Ortschaften müssen nach den aktuellen Plänen die Bewohner ihre Häuser verlassen: in Keyenberg, Kuckum, Unterwesterich, Oberwestrich und Berverath. Der RWE zufolge betrifft dies etwa 1540 Menschen. Die Umsiedlung startete bereits 2016, ab 2023 soll der Abbau beginnen.

Nach dem Abbau Ab 2045 sollen etwa 40 Jahre lang rund 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rhein in das Loch, dass der Tagebau hinterlässt, geleitet werden. Der See, der dadurch entsteht, wird größer als das Steinhuder Meer und bis zu 60 mal so tief.