Chanukka in der Partybahn
   Foto: Andreas Endermann
Nicole (15, Mitte) und ihre Freunde in der Chanukka-Bahn, die am Dienstagabend durch Düsseldorf fuhr.
Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums haben das jüdische Lichterfest bei einer Sonderfahrt der Rheinbahn gefeiert. Eine Party, die zeigen soll: Juden in Düsseldorf verstecken sich nicht.
von Helene Pawlitzki

Der Plan ist außergewöhnlich und wird zum ersten Mal erprobt: Die beiden achten Klassen des Albert-Einstein-Gymnasiums wollen Chanukka auf Schienen feiern. In einer Partybahn der Rheinbahn. Ursprünglich ging es nur darum, den 13- bis 15-Jährigen etwas Besonderes zu bieten. „Die sind ja schon groß“, sagt Jonathan Grünfeld, „sie wollten nicht mehr unbedingt mit den Fünft- bis Siebtklässlern feiern.“ Eine Mutter habe schon vor einiger Zeit mal die Partybahn erwähnt. So kam die Idee zustande.

Doch im Deutschland des Jahres 2019 – nach dem Anschlag in Halle , nach der Bedrohung eines Düsseldorfer Rabbis im Juni , während „Jude“ auf manchen Schulhöfen als Schimpfwort missbraucht wird – ist kaum ein öffentlicher Aspekt jüdischen Lebens unpolitisch. Und so sagt Schulleiter Michael Anger: „Es geht auch um positive Bilder von jungen Juden, die mitten in Düsseldorf feiern.“ Und der Rabbi predigt vor der Fahrt bei einer kleinen Feier in der Synagoge darüber, was die Lichter von Chanukka lehren: in einer Zeit geistiger Dunkelheit sichtbar zu sein, sich dem Hass entgegen zu stellen. „Stillstand bedeutet Rückschritt!“

Wie mag es sein, fragt man sich als Beobachter, das mit 13, 14, 15 Jahren zu hören? Vermutlich nicht zum ersten Mal? Viele der Mädchen haben sich aufwendig geschminkt und frisiert, sie tragen enge Jeans und bauchfreie Tops oder kurze Röcke zu Kniestrümpfen. Die Jungs haben sich (wie fast überall auf der Welt) etwas weniger Mühe gegeben, sind aber auch ein bisschen aufgeregt. Können sie alle unbeschwert feiern mit dem Gewicht dieser politischen Verantwortung auf den Schultern, mit dem Auftrag, der Welt ein angstfreies, frohgemutes Judentum zu zeigen?

Der Rabbi zündet die erste Kerze an, ein Gitarrist stimmt hebräische Lieder an. Die Schüler sind mittelmäßig textsicher. Dann gibt es einen Sufganiyah, einen in Öl gebackenen Krapfen, und jeder geht noch mal auf die Toilette. „In der Bahn geht das nicht“, ruft eine Schülerin mahnend.

20 Minuten später steht die Meute an der Haltestelle „Dreieck“ und beobachtet eine alte Rheinbahn, die langsam um die Ecke kriecht. „Alle nehmen etwas mit rein“, ruft Herr Grünwald, der Religionslehrer. Eine Chanukka-Girlande, koschere Snacks, ein Barkeeper, der alkoholfreie Drinks mixt – es ist an alles gedacht, sogar an Mülleimer und Besen. Gleich nach dem Fahrer ist der wichtigste Mann an Bord David Kapoul, DJ aus Köln.

Achtklässler brauchen keine Extra-Einladung. An der Duisburger Straße tanzt das erste Mädchen an einer Haltestange. Ein Junge läuft ratlos mit einer Rolle Luftschlangen herum. Schließlich wickelt er sie komplett ab, ohne sie vorher auseinanderzupulen, und hängt sie wie eine kleine Hängematte irgendwo hin. Egal. Alle trinken süße Drinks durch Papierstrohhalmen. „Oh mein Gott – das ist mein Lieblingslied“, ruft ein Mädchen, als „Was du Liebe nennst“ des Rappers Bausa anfängt. Alexander schaut aus dem Fenster. „Ich bin nicht so der Party-Typ“, sagte er. So sieht man wenigstens etwas von der Stadt, oder? „Das größere Problem ist, dass die ganze Stadt einen sieht“, seufzt er. Der Sicherheitsmann liefert sich eine Luftschlangenschlacht mit einer Schülerin – er kennt fast alle hier schon seit ihrer Einschulung. Die Bahn hält „Auf’m Hennekamp“. Der DJ legt „Toy“ von Netta, der israelischen Eurovisions-Gewinnerin, auf. Alle Mädchen tanzen eine Choreografie und jeder, wirklich jeder, singt wirklich jedes Wort mit. Mittelmäßig textsicher ist hier keiner. Die Wartenden an der Haltestelle staunen nicht schlecht, manche winken. Die Mädels schaffen es in dieser engen Bahn sogar, zwei Reihen zu bilden.

Überall liegen Chipskrümel, leere Plastikbecher, zertretene Luftschlangen, die Musik dröhnt, die Gleise kreischen – und Herr Grünfeld? Jonathan Grünfeld strahlt. „Es scheint ihnen zu gefallen“, brüllt er über den Lärm.

Kurz nach dem Spichernplatz spielt der DJ noch „Last Christmas“ und ein Mädchen singt in einen Besenstiel. Dann steigen alle in einer Nebenstraße aus der Bahn. Die Eltern warten schon. Schön war’s – Chanukka im Deutschland des Jahres 2019.

Info
Chanukka heißt das Lichterfest der Juden

Geschichte Erinnert wird an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem 164 vor Christus. Durch ein Wunder brannten die Lichter aus geweihtem Öl acht Tage statt nur einen.

Brauch Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Kerzen an der  Chanukkia, einem acht- oder neunarmigen Leuchter entzündet – jeden Abend ein Licht mehr.

Zeit In diesem Jahr beginnt Chanukka am 23. Dezember.