Wer schweigt, gibt den Lauten recht
Warum empören sich die Kirchen nicht stärker über die Politik in Thüringen?

Ich vermisse die Stimme der Kirchen. Ich vermisse ihre Meinung zu einem Verhalten von Politikern, das mit dem Wort „Tabubruch“ nur unzureichend beschrieben ist: das fahrlässige Taktieren und Paktieren mit Rechtspopulisten in Thüringen; die Aufgabe von Moral und Integrität zum eigenen Machterhalt und Machtgewinn. Ist das nicht eine Einmischung wert? Und nicht nur so allgemein, sondern konkret?

Kirchen sollten keine Politik machen. Und dort, wo einige ihrer Vertreter die Nähe zur Macht suchten, büßten sie an Glaubwürdigkeit ein und wurden im Nazi-Deutschland manchmal auch zu Mittätern. Wenn die christlichen Kirchen es aber ernst damit meinen, die Friedensbotschaft Jesu zu verkünden, dann darf das nicht auf Kirchenräume beschränkt bleiben. Das Evangelium ist nur lebendig und folgenreich, wenn es für unser Leben und für unseren Umgang miteinander bedeutsam wird. Wer schweigt, gibt denen recht, die ihre Klappe aufreißen.

Natürlich melden sich Christen hier und da zu Wort; organisieren Mahnwachen, Demos vor Parteizentralen. Aber ist das schon ein Aufstand der Kirchen? Und wird damit schon die Empörung spürbar über das Spiel der „Strategen“ mit jenen Werten, die Leitplanken eines gerechten Zusammenlebens sind und die Würde jedes einzelnen Menschen achten? Dazu gibt es keine Kompromisse. Dazu darf es auch keine Zurückhaltung geben.

Es ist schwer erträglich, dass es eine Bundesvereinigung der Christen in der AfD gibt, die im erzkonservativen Kirchenmilieu nach Anhängern zu fischen und mit ihrer Schwulen- und Islamfeindlichkeit attraktiv zu sein versucht. Kirchen sind mit ihrer Botschaft immer politisch, aber mit ihnen darf kein Staat zu machen sein. Kirchen haben zum Widerstand nicht nur alle Freiheit, sie haben das Recht dazu und auch die Pflicht.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de