Clancett lehnt Präsenz-Gottesdienste ab
Foto: St. Jakobus
Pfarrer Ulrich Clancett am Mischpult, statt am Altar. Sein Radiogottesdienst ist Sonntag wieder zu hören.   
Der Jüchener Pfarrer spricht sich vehement gegen die Lockerung der Richtlinien für Kirchen in NRW aus. Die Corona-Krise biete die Chance für die Kirche, mehr Menschen digital zu erreichen und Position zu beziehen.
Von Gundhild Tillmanns

JÜCHEN |Für nicht vertretbar hält der Jüchener Pfarrer Ulrich Clancett die jetzt vom Bundesland NRW beschlossene Regelung, ab dem 1. Mai wieder Präsenzgottesdienste zu erlauben. Er werde sich weigern, selbst wenn es dazu eine Empfehlung des Bistums geben sollte, sagt der ehemalige Regionaldekan ganz klar. Denn erstens liege die Entscheidungshoheit in dieser Frage bei den katholischen Gemeinden vor Ort. Zudem halte er die Wiedereröffnung der Kirchen, selbst unter Infektionsschutz, zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. „Ich werde erst wieder Gottesdienste mit den Anwesenden in der Kirche feiern, wenn die Corona-Pandemie absolut überstanden ist“, betont Clancett.

Zudem habe er auch gravierende theologische Bedenken, was das Verständnis des Sakramentes der heiligen Kommunion anbelange: „Kommunion kommt von communio, also von Gemeinschaft. Die ist aber nicht möglich, wenn ich zur Wahrung des Sicherheitsabstandes nur eine begrenzte Anzahl in die Kirche lassen darf und andere Besucher dann sogar abweisen muss“, verdeutlicht der Geistliche.

Zudem gibt er zu bedenken: „Wir würden mit einem Präsenzgottesdienst jetzt ohnehin nur unser Stammpublikum erreichen. Das ist aber durchweg schon recht alt, gehört somit zur Risikogruppe. Dann blieben uns gerade mal eine Hand voll Leute, die in die Kirche kämen.“

Stattdessen nutzt Clancett andere Kanäle, um vielleicht nicht nur sein „Stammpublikum“, sondern womöglich auch andere Menschen zu erreichen. Seine Radiogottesdienste an den Sonntagen würden mittlerweile jedes Mal von mindestens 200 Hörern mitverfolgt, freut er sich. Außerdem nutzt der Theologe noch weitere „digitale“ Wege, um „anders auf die Menschen zuzugehen“, wie er sagt. Denn die Corona-Krise biete jetzt der Kirche auch eine enorme Chance, nicht mehr darauf zu warten, dass die Menschen in die Kirchen kommen, sondern die Menschen da zu erreichen, wo sie leben und womöglich in Not sind, weiß Clancett und fügt hinzu: „Wir sollten jetzt die digitalen und virtuellen Möglichkeiten nutzen, um uns als Kirche auf die Menschen zu zu bewegen.“

So werde jetzt auch die Vorbereitung zur Erstkommunion digital unterstützt. Die Kinder bekamen die Liedblätter für ihre anstehende Erstkommunionsfeier schon vorab übers Internet, dazu auch „kindgerecht formulierte Texte“, wie Clancett erläutert. „Wir haben die Kinder und ihre Eltern zum Mitmachen im Radiogottesdienst aufgefordert und dazu über Facebook viel positive Resonanz bekommen“, berichtet der Pfarrer. So hätten Familien vor dem Radio oder den Bildschirmen gesessen, die Gottesdienstlieder im Livestream mitgesungen und teilweise dabei auch schon mal die Kommunionkerze angezündet.

Und für die Erstkommunion, die in diesem Jahr zunächst ausgesetzt werden muss, will er ebenfalls eine neue Form finden. „Ich könnte mir gut ein Fest im Freien vorstellen, vielleicht in einem Park, wo wir dann die Kommunionkinder aller unserer Gemeinden zusammenbringen könnten“, sagt Clancett. Außerdem plant er eine Outdoor-Messe mit Musik im Innenhof des Altenheimes „Maria Frieden“. Die Bewohner können diese dann bei geöffneten Fenstern mitverfolgen.

Für besonders wichtig erachtet Clancett, „dass die Kirche jetzt in der Corona-Krise zu den aktuellen Problemen Position bezieht“, betont er. Ein zentrales Thema sei für ihn auch die Frage, wie jetzt all’ den anderen Nichtcorona-Kranken geholfen wird? „Da werden lebenswichtige Operationen verschoben, aus Angst vor einer Corona-Ansteckung im Krankenhaus. So werden zusätzliche Tote die Folge sein“, weiß er aus Berichten eines namhaften Virologen.

„Wir als Kirche müssen wieder mehr als Mahner in den gesellschaftlichen Fragen auftreten“, fordert Clancett. Eine deutliche Positionierung der Kirche verlangt Clancett auch in Fragen der Demokratie. Er gibt zu bedenken: „Vor Corona hat es noch nie eine Situation gegeben, in der das Grundgesetz in aller Schnelle derart eingeschränkt worden wäre. Wenn man alleine an das Versammlungsrecht denkt. Da muss Kirche jetzt wachsam sein und Position beziehen.“

Info
St. Jakobus-Gottesdienst immer sonntags im Radio

Sonntagsgottesdienst in St. Jakobus ab 10 Uhr im WDR 5 und im Internet unter https://radio.lcm-dorftechnik.de.

Gebetsmöglichkeiten Zum persönlichen Gebet ist die Kirche stets nach den Radiogottesdiensten von 11 bis 12 Uhr geöffnet. Außerdem bleibt die Pilgerkirche St. Georg in Neuenhoven auch wochentags geöffnet.