Kommentar

Wir brauchen keinen Ausbau
Melanie Zanin

Ein Kommentar.

Wir schreiben das Jahr 1966. Seit einigen Monaten ist bekannt, dass die Stadt ein riesiges Bauprojekt im Bereich Karnap-West plant. Das beschauliche Hilden wächst stetig, Industriegebiete sprießen aus dem Boden. Für die entstehenden Arbeitsplätze müssen Arbeitskräfte nach Hilden gelockt werden. Und das klappt nur mit ausreichend Wohnraum. „Wenn die Wohnungsnot in Hilden beseitigt werden soll, so muss dieses Bauprojekt in Angriff genommen werden“, erklärt der damalige Stadtdirektor Heinz Brieden. Raum für 7000 Menschen sollte damals geschaffen werden. Die Hildener Zeitung schreibt 1966: „Bebauungspläne für Karnap-West unaufschiebbar“.

Wer heute durch den Karnap spaziert, sieht kein einziges Haus. Zum Glück stellte sich das Bauprojekt dann doch nicht als so unaufschiebbar heraus, wie es viele Experten und die Politik vorhersagten. Das Leben hat sich anders entwickelt, als vorhergesagt.

Das wird auch auf den Ausbau der A3 zutreffen. Wer sich die Entwicklung der vergangenen Jahre anschaut, kann nur zu dem Schluss kommen, dass der Verkehr bis 2030 deutlich zunimmt. Das würde zu einem Verkehrsinfarkt rund um das Hildener Kreuz führen. Keine Frage. Aber das Leben verläuft nun einmal nicht gradlinig. Wer konnte schon mit Corona rechnen? Wer hätte vor 15 Monaten vorhersagen können, dass viele Firmen auf Homeoffice setzen und so viele Autobahnfahrten von Pendlern entfallen? Wer weiß, was noch alles folgt und wie die Bedürfnisse in zehn Jahren aussehen? Wie entwickelt sich der Verkehr? Diese Aspekte sind schwer einzuschätzen, müssen aber mit in die Entscheidungsfindung einfließen. Und die Dynamik auf diesem Gebiet lässt eher darauf schließen, dass der Verkehr nicht in diesem Maße zunimmt, wie angenommen. Und in diesem Fall muss nicht so gravierend gegen den Willen der breiten Masse in die Natur eingegriffen werden, nur um eine Maßnahme umzusetzen, die vor einigen Jahren noch nicht richtig eingeschätzt werden konnte. Wir brauchen keine achtspurige A3. Die temporäre Nutzung des Seitenstreifens reicht. Dass sich der Kampf gegen solche Mega-Projekte lohnt, ist im Bereich Karnap-West zu sehen – am besten zu Fuß oder mit dem Fahrrad an einem sonnigen Tag.