Im festen Glauben an lose Ware
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In Ohligs eröffnet der Unverpacktladen „Groß & KLEIN“. Inhaber sind Stefanie und Patrick Leo. Der Personal- und Unternehmensberater Lothar Grünewald (l.) hatte den Gründer-Wettbewerb initiiert.

Stefanie und Patrick Leo eröffnen den ersten Unverpackt-Laden in Solingen. Sie gewannen den Wettbewerb „Dein eigenes Ladenlokal“.

Von Fred Lothar Melchior

OHLIGS | Nachts kommen Patrick Leo die besten Ideen. „Dann vergisst man wieder einzuschlafen“, sagt der 52-Jährige. Denn es gibt noch viel zu bedenken und in die Wege zu leiten, bis er und seine Ehefrau Stefanie (50) an der Keldersstraße 11 ihren Unverpackt-Laden eröffnen können. Für beide ist es Neuland – wie für ihren Vermieter Lothar Grünewald. Im Herbst 2020 hatte der Unternehmensberater in der Passage 135 Quadratmeter auf zwei Etagen erworben – zu einer Zeit, als große Teile des Einzelhandels im Sterben lagen.

„Gerade jetzt, wo die Stadt Gefahr läuft zu veröden, ist es Zeit, Farbe zu zeigen“, betont Grünewald, der Psychologie und Wirtschaft studiert hat und eine eigene Consulting-Firma leitet. „In Ohligs sehe ich viel Potenzial.“ Um einen Mieter mit einem attraktiven Konzept zu finden, rief er im Dezember mit dem Gründer- und Technologiezentrum (GuT) zu einem Wettbewerb auf: „Dein eigenes Ladenlokal“. Für die beste Geschäftsidee schrieben GuT und Grünewald eine doppelte Belohnung aus: Das Ladenlokal kann ab März ein Jahr lang mietfrei genutzt werden; die Gründer werden von einem Start-up-Manager beraten.

Mit dem Wettbewerb kam bei Patrick und Stefanie Leo „alles zusammen“: „Wir hatten uns schon einige Zeit mit der Idee eines eigenen Ladens beschäftigt. Als wir am 10. Dezember von dem Wettbewerb erfuhren, war für uns klar: Wenn wir mitmachen, dann wollen wir auch gewinnen.“ So geschah es: Gegen „eine Handvoll“ Mitbewerber, so Lothar Grünewald, setzte sich das Ehepaar mit seinem Konzept durch. Grünewald: „Die innovative Idee hat Potenzial.“

„Wir sehen eine immense Nachfrage“, unterstreicht Patrick Leo. Der 2018 gegründete Berufsverband der Unverpackt-Läden weiß von 368 bestehenden und 236 geplanten Läden. „Steffi“ und Patrick Leo sind in der Klingenstadt noch in der Vorreiterrolle – und bekommen bei Instagram (unverpackt.solingen) dafür schon jetzt Beifall von fast 700 Abonnenten. „Auch unsere drei Söhne im Alter von 18, 20 und 22 Jahren stehen total hinter der Idee.“

Rund 100.000 Euro werden benötigt, um das Geschäft ans Laufen zu bringen, haben das Ehepaar und Start-up-Manager Phil Derichs vom Gründer- und Technologiezentrum ausgerechnet. 340 Euro kostet beispielsweise ein kontaktlos zu bedienender Spender aus Edelstahl und Glas. 50 bis 60 werden benötigt, um etwa Cerealien, Hülsenfrüchte, Nudeln, Gewürze und Nüsse aufzubewahren. Mit Kosten in Höhe von 20.000 Euro rechnen Stefanie und Patrick Leo für den Ersteinkauf.

Ein befreundeter Innenarchitekt wird helfen, die 70 Quadratmeter große Verkaufsfläche im Erdgeschoss zu gestalten. Zum Sortiment werden auch Süßigkeiten und Drogerieartikel wie feste Shampoos, Zahnputztabletten sowie Wasch- und Putzmittel gehören. „Wir probieren im Moment ganz viel aus“, sagt Steffi Leo. „Schokolade muss natürlich schmecken.“ Ihr Mann berichtet von einer Nussmus-Maschine, in der unter anderem Haselnüsse mit weißer Schokolade püriert werden können. „Wir überprüfen aber auch die Ökobilanz jedes Artikels. Da gibt es ganz viel zu beachten.“

„Das Angebot darf nicht zu klein sein“, erklärt Patrick Leo. „Wir feilen noch daran und überlegen, was wir selbst kaufen würden. Das Angebot muss so reizvoll sein, dass man ins Stöbern kommt.“ Dazu will das Ehepaar auch Geschichten zu seiner Ware erzählen – wie man etwa aus Kichererbsen selbst Humus herstellen kann. Die Lebensmittel sollen wie die anderen Produkte im Idealfall aus der Region kommen. Zwei Produzenten von Rasierhobeln, berichtet Steffi Leo, hätten sich schon selbst bei ihnen gemeldet.

„Wir stammen ja noch aus der Generation Spinnrad und Hobbythek“, blickt sie zurück. „Wir werden aber darauf achten, dass man jeden Kunden abholt – den, der nur etwas abfüllen will, ebenso wie den, der sich etwas mischen will. Da gibt es beispielsweise Putzmittel in Tablettenform, bei denen zu Hause Wasser hinzugefügt wird.“

Der Unverpackt-Laden soll nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zur Kommunikation einladen – etwa bei einer Tasse Kaffee aus Solingens Partnerstadt Jinotega sowie selbst gebackenem Kuchen und Brot. „Wir streben auch eine Konzession für den Ausschank von Alkohol an“, erläutert Patrick Leo. „An Ideen fehlt es uns nicht.“

Auch nicht bei der Namensgebung: „Groß & KLEIN“ wird der Laden heißen – auch in Anspielung auf den deutlichen Größenunterschied der beiden Betreiber. Im Internet wird man das Geschäft künftig unter der Adresse www.unverpackt-solingen.de finden.

Info

Mit tiefen Wurzeln im Stadtteil

Zur Person Patrick Leo wurde in Pittsburgh geboren, wuchs aber in Ohligs auf. Er war zuletzt als Sales Manager mit dem Schwerpunkt Medizintechnik tätig, speziell in Afrika. Stefanie Leo, in Ohligs „bekannt wie ein bunter Hund“, rief unter anderem das Projekt „Die Bücherkinder“ ins Leben.

Lothar Grünewald ist geschäftsführender Gesellschafter der international tätigen Personal- und Unternehmensberatung Grünewald Consulting. Sie hat ihren Sitz vom alten Ohligser Rathaus ins Gründer- und Technologiezentrum verlegt. Grünewald steht außerdem in der Region dem Verein „Die Familienunternehmer“ vor.