2020 – ein Jahr zum Vergessen?
Andreas Woitschützke
Alois Teuber freut sich über seine intakte Familie.

Die Pandemie hat das Jahr bestimmt. Es gab viele Einschränkungen, aber auch positive Entwicklungen. Das sagen Neusser.

Von Rudolf Barnholt und Anneli Goebels

NEUSS | Endlich ist dieses Jahr vorbei, mit dem Ausbruch einer Pandemie, die so viel lahm legte, das „normale“ Leben so sehr einschränkte, und nicht zuletzt so viele Todesopfer forderte. Doch sind die Gedanken an 2020 nur negativ? Keinesfalls. Denn es ist auch ein Jahr der Kreativität, die Hoffnung macht und für positive Gefühle und Stimmungen sorgt. So blicken die Menschen im Rhein-Kreis zurück und nach vorn:

„Mir macht gerade nicht ganz so viel Mut“, sagt Sabine Berns. Die 55-Jährige weiß aber in schwierigen Zeiten den Zusammenhalt innerhalb der Familie zu schätzen. Und sie hofft, dass die Menschen die Pandemie nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell gut überstehen. Außerdem ist da die Hoffnung auf einen schönen Urlaub. Die Kaufmännische Angestellte bekommt Rückenwind von ihrer 93-jährigen Mutter Ilse Deußen: Die sei noch fit und habe als Heimatvertriebene nicht vor, sich von einem kleinen Virus unterkriegen zu lassen. Dem Orthopäden Alois Teuber fällt einiges ein, was ihm in Corona-Zeiten Mut macht: „Ich habe eine intakte Familie mit Kindern und Enkelkindern. Außerdem kann und darf ich arbeiten und bin gesund.“ Ob der Impfstoff für ihn eine große Hoffnung darstellt? Teuber ist verhalten optimistisch: „Ich bin da eher abwartend.“

Michael Ahrens ist erleichtert, dass so schnell ein Impfstoff entwickelt werden konnte: „Ich hoffe, dass er auch die erwartete Wirkung zeigt“, sagt der 53-Jährige. Was der Angestellte herbeisehnt: „Ich möchte endlich wieder Urlaub machen.“ Seine Devise in aktuell schweren Zeiten: „Immer nach vorne schauen, nicht in Depressionen verfallen.“ Für Juliane Scheder wäre es auch ohne die Pandemie ein ganz besonderes Jahr geworden: Die 33-Jährige ist im Sommer zum ersten Mal Mutter geworden. „Ich versuche, mit meiner kleinen Familie ein einigermaßen normales Leben zu führen“, sagt die Wissenschaftlerin, die an der Uni Köln arbeitet. Was ihr fehle, seien Kontakte zu anderen Müttern mit Kindern. Für ein Minimum an solchen Kontakten sorgen derzeit WhatsApp-Gruppen.

Heinz-Josef Bittner, seit 2019 amtierender Schützenkönig der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Neuss-Furth, wird das Jahr 2020 auch aus positiven Gründen nicht vergessen. Der Grund: die große Hilfsbereitschaft. „Wir haben viele nette Menschen kennengelernt, darunter auch welche, denen es nicht so gut geht. Leute aus verschiedenen Stadtteilen haben sich in einer Gruppe der Solidarität zusammengeschlossen. So entstand die Gruppe Corona-Hilfe Neuss, und dadurch die Gabenzäune“, erzählt Bittner. Aber dennoch hofft er, dass 2021 wieder ein anderes Jahr wird. „Zuversicht, die werden wir weiterhin ausstrahlen. Hoffnung, die sollten wir nicht aufgeben, und Solidarität, die sollte über das Jahr hinausgehen“, lauten seine Wünsche für das neue Jahr. Und: „Wir freuen uns schon riesig, endlich wieder zu feiern“, sagt der Schütze.

Das Jahr 2020 vergessen? Nein, das möchte Beate Koenemann auf keinen Fall. Und es wird ihr nicht nur als ein besonderes in Erinnerung bleiben, weil sie an der Seite ihres Mannes Kurt eigentlich das Neusser Schützenfest als Königin gefeiert hätte, sondern auch, weil sie als Leiterin der Kindertageseinrichtung Maria Goretti auch „ihre Kinder“ anders erlebte. „Die erforderlichen Einschränkungen und neuen Regeln haben selbst die Kleinsten problemlos akzeptiert und umgesetzt“, sagt Koenemann. Vor allem hätten die Mädchen und Jungen selbständig eine ausgeprägte Handhygiene übernommen, ergänzt die Kita-Leiterin. Und alle hoffen, 2021 wieder ihre Feste mit Eltern, Geschwistern und Großeltern in gewohnter Weise feiern zu können.

„Was für ein Jahr! Wiederholen möchte ich es nicht“, sagt Caroline Brünger, Chef-Hebamme im Lukaskrankenhaus. Natürlich habe die Corona-Pandemie die Arbeit im Kreißsaal und auf der Mutter-Kind-Station geprägt: positiv getestete Schwangere, eingeschränkte Besuchsregelungen. „Aber ich habe einen beeindruckenden Zusammenhalt des Teams erlebt. Hebammen, Schwestern, Ärztinnen und Ärzte – es war wirklich grandios. Und das gibt neben vielen Dingen, die wir in diesem Jahr über den Umgang mit dem Virus gelernt haben, auch Mut für 2021“, sagt sie.

„Außergewöhnlich“ war das Jahr 2020 in jeder Hinsicht für Professor Matthias Korell, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am „Etienne“. „Dabei war uns besonders wichtig, dass unsere Patientinnen sich nicht allein gelassen fühlten“, spricht er weiter. Einer Frau zum Beispiel, die wegen einer Verschlechterung ihrer Krebserkrankung im zweiten Lockdown in der Klinik lag, habe man nicht nur den Besuch ihres Mannes, sondern auch den Kontakt zu den Kindern über elektronische Medien mit einem Tablet des Krankenhauses ermöglicht, erzählt der Mediziner. „Mit all seinen Herausforderungen hat dieses Jahr unser Krankenhaus, und auch übergreifend die St.-Augustinus-Gruppe, zusammengeschweißt“, ist Korell überzeugt.