Sargbaukursus gegen Angst vor dem Tod
Foto: Detlef Ilgner
Der Sargbaukurs war für Tobias Schroeder, Uwe Friese, Andrea Voß und Rudolf Brügge (von li.) Anlass, über Tod und Sterben zu sprechen.
Über Sterben und Trauer lässt sich einfacher ins Gespräch kommen, wenn man gemeinsam einen Sarg tischlert. Diese Idee steckt hinter einem ungewöhnlichen Seminar, zu dem sich eine Gruppe in einer Schreinerei traf.
Von Angela Wilms-Adrians

KORSCHENBROICH/ MÖNCHENGLADBACH | „Was wäre, wenn ich wüsste, dass ich nur noch wenige Tage oder Monate zu leben hätte? Würde ich mein Leben verändern oder wäre ich zufrieden mit dem, wie es ist?“, so formulierte der Pescher Christoph Sochart von der Initiative „Trauerraum“ die schwierige Frage. Die Gruppe um ihn herum ließ das einen Moment lang nachwirken, ehe sie das Gehörte um eigene Gedanken ergänzte. Getroffen hatte sie sich zu einem nicht alltäglichen Zweck: um einen Sarg zu bauen.

Mag der Tod weithin als Tabuthema einer schnelllebigen Zeit gelten, in dem Kurs war davon nichts zu spüren. Zwei langsam Gestalt annehmende Särge in Echt-Größe hatten nichts Erschreckendes. Die neun Kursteilnehmer einte die Überzeugung, dass gerade das Nachdenken über die eigene Endlichkeit Anstoß zu neuen Lebensplänen geben kann und die Kostbarkeit des Augenblicks bewusst macht. Im Wechsel von handwerklichem Tun und Reflexion schärften sie im Austausch die Wahrnehmung von Sichtweisen.

Die Veranstaltung wurde von der Initiative Trauerraum von der Gemeinschaft der Gemeinden Korschenbroich und der „Netzwerkkirche“ in Kooperation mit der Grabeskirche St. Elisabeth und dem Volksverein Mönchengladbach realisiert. In der Schreinerwerkstatt des Volksvereins wies Tobias Schroeder in die praktische Arbeit ein. „Beim Sargbau an sich sehe ich vor allem meine Arbeit. Aber wenn das Teil fertig ist, wird mir bewusst, das ist ja ein Sarg“, so der Schreinermeister. Im meditativen Teil fand auch der 32-Jährige bereichernde Impulse, obgleich in seinem Alter der Tod den meisten eher fern erscheint. „Doch er kann einen jederzeit treffen. Das wird gerade jetzt in der Corona-Zeit bewusst“, sagte der Schreiner. Er war mit Abstand der Jüngste in der Gruppe mit einem Durchschnittsalter von gut 60 Jahren.

Zu Beginn sprachen die Teilnehmer über ihre Erwartungen. Dazu zählten die Bedürfnisse, mehr zu erfahren über Bestattungsfragen, Trauerbewältigung, den Umgang mit dem Thema in der Familie, auch um künftigen Hinterbliebenen eigene Vorstellungen mitteilen zu können. Ulrike Gresse betonte die Offenheit der Veranstaltung auch für nicht kirchlich gebundene Personen. Die Beauftragte für Trauerpastoral an der Grabeskirche St. Elisabeth ist überzeugt, dass die Beschäftigung mit dem Tod den Wert des Lebens bewusster macht.

„Ich beschäftige mich schon länger mit der eigenen Sterblichkeit und der Frage, was es bedeutet, den Tag nicht einfach zu durchleben, sondern wirklich zu erleben, den Augenblick wahrzunehmen und mich nicht von Sorgen ablenken zu lassen, wenn ich auf einem Berg die Aussicht genießen will“, erzählte der ehrenamtliche Trauerbegleiter Sochart.

Andrea Voß vom Diakonischen Werk hat über ihren Beruf einen Bezug zum Thema. Sie ist überzeugt, über die Sterbebegleitung mehr Gelassenheit beim Blick auf den eigenen Tod zu gewinnen. „Gerade wegen meiner Erfahrungen wollte ich den Kurs mitmachen, um mich handwerklich mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu hören, was andere über ihr Sterben denken. Ich erhoffe mir davon auch andere Sichtweisen für mich“, sagte sie.

Aktueller Anlass für Bettina Wietzkers Teilnahme war ein schwerer Krankheitsfall in der Familie. Das Thema berührt die Korschenbroicherin jedoch schon länger. Die lebenssprühende Diplom-Psychologin will sich zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin ausbilden lassen. „Ich suche nach einer Vorbereitung, mich über das Thema noch mehr von der Angst vor dem eigenen Tod und den Verlust von Menschen zu befreien. Da hilft der Glauben auf jeden Fall, dass wir dem Licht entgegengehen“, versicherte sie.

Info
Die Organisatoren des Angebots

Initiative Trauerraum Sie will Menschen ermutigen, Unterstützung auf dem Trauerweg anzunehmen. Sie ist eine gemeinsame Initiative von Korschenbroicher Gemeinden und der „Netzwerkkirche“.

Grabeskirche St. Elisabeth in Mönchengladbach wird als Urnenfriedhof genutzt.

Volksverein Die gemeinnützige Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit mbH ist ein Sozialunternehmen.