Eine kleine Schnecke erklärt die Welt
RP-Foto: Gottfried Evers
Freuten sich über die gelungene Projektarbeit (v.l.): Nicole Terhorst, Lena Hachmann, Heidi Leenen, Marleen van Gemmeren, Susanne Schumacher und Regina Henke.    

Das Bilderbuch „Emma“ hat den Unterricht an der Don-Bosco-Schule in Geldern im Sturm erobert. Autorin Heidi Leenen animierte die Kinder dazu, sich kreativ mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Von Dirk Weber

GELDERN | Schnecke Emma ist traurig. Sie hat auf ihrer Reise viele tolle Tiere getroffen: superstarke Ameisen, zirpende Grillen, zaubernde Raupen und eine kichernde Spinne. Jedes Tier hat eine Fähigkeit, die einzigartig ist. „Und was kann ich?“, fragt sich die Schnecke. „Viele unserer Schüler kennen das Gefühl“, sagt Nicole Terhorst, Lehrerin an der Don-Bosco-Förderschule in Geldern. „Die Kinder erleben in ihrem Alltag viel Misserfolg. Deshalb war uns wichtig, ihnen ihre Stärken vor Augen zu führen. Wir wollten sie spüren lassen, dass jeder Mensch, jedes Tier so gut ist, wie es ist.“

Seit August ist die Schnecke Unterrichtsstoff an der Don-Bosco-Schule. Ausgedacht hat sich die Geschichte die Erzieherin, Musikpädagogin und Kinderbuchautorin Heidi Leenen („Der Elefantenpups“). Die „Du bist wertvoll“-Stiftung hatte sie gefragt, ob sie Lust hätte, den Kindern die kleine Emma vorzustellen. Los ging es bereits nach den Sommerferien mit mehreren Lesungen, in denen Leenen coronabedingt vor jeder Klasse einzeln aufgetreten ist – mit maximal zwölf Schülern. „Sonst lese ich eher vor großem Publikum“, erzählt die Autorin, aber so sei der Funke gleich übergesprungen. „Ich konnte jedes Kind einzeln ansprechen. Das war toll.“

Die Bilder aus dem Buch wurden auf eine Wand projiziert. Ein bisschen wie im Kino sei das gewesen, erinnert sich Leenen. Dann habe sie jedes Tier aus der Geschichte mit verstellter Stimme gesprochen. Zwischendurch gab es klassische Musik von der CD, die dem Buch beiliegt. „Unsere Schüler sind sehr heterogen, es gibt einige, die über eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügen und schnell unruhig werden“, berichtet Nicole Terhorst. „Aber als Frau Leenen die Geschichte vorgetragen hat, waren alle gefesselt. Das war ein echter Gewinn.“

Nach den Lesungen wurde im Unterricht weitergeschneckt. Jeden Freitag wurde in den Klassen über das Buch gesprochen. In Sachkunde lernten die Kinder die Tiere kennen. In Musik wurden die Instrumente durchgenommen, die im Buch auftauchen und in Religion wurde die Frage gestellt: „Was macht mich einmalig?“. „Die Kinder sollten die Geschichte erleben, erfühlen, erfassen können“, sagt Lena Hachmann, pädagogische Leitung der „Du bist wertvoll“-Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kreativität von Kindern zu fördern. Nicht nur, dass die Schüler mithilfe des Buches etwas übers Leben lernen sollten, sie durften auch selbst kreativ werden. Malen, basteln, singen. „Ich durfte zwischendurch reinschauen und bin begeistert, was sich die Schüler alles haben einfallen lassen“, erzählt Leenen. Besonders beeindruckt habe sie ein alter Koffer, den die Kinder mit Naturmaterialien ausgeschlagen haben und in dem es vor lauter Tieren nur so wimmelt.

Auch die Lehrer wurden kreativ, spielten die Geschichte der kleinen Schnecke mit Handpuppen nach, die ihnen der Förderverein zur Verfügung stellte, ließen die Geschichten in Gebärden übersetzen und die Kinder Tiergeräusche erraten oder Dalli-Klick spielen. „Die Kinder sind als Frösche herumgehüpft oder als Schmetterlinge mit Tüchern durch die Klassenräume geflattert“, berichtet Marleen van Gemmeren, Lehrerin in der Unterstufe. Ein Kind hat sogar echte Schnecken von zu Hause mitgebracht, Achatschnecken aus dem Garten. Die will es sich nun als Haustier halten.

„Dies ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Projektarbeit“, fasste Lena Hachmann die vergangenen Wochen zusammen. „Manchmal mangelt es ja an Geld, um solche Ideen umzusetzen. Das wollten wir ändern.“ Außerdem habe die Aktion gezeigt, dass man Kinder sehr wohl für Bücher und fürs Lernen begeistern kann. Elf Schnecken-Bücher hat die Don-Bosco-Schule geschenkt bekommen. Die Aktion, so die kommissarische Schulleiterin Regina Henke, soll in den kommenden Jahren wiederholt werden.

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