RP-Serie Verschwundene Gaststätten

Erinnerungen ans Schiffe gucken am Rhein
Foto: Settnik
Helmut Sanders erinnert sich an die Gaststätte Thennagels, die er und Wilfried Görden in ihrem Buch über Hönnepel verewigt haben. Das Tambourcorps und die Bruderschaft waren dort regelmäßig zu Gast.

Die Pläne zum Deichbau besiegelten vor rund 20 Jahren das Schicksal der Gaststätte Thennagels und des „roten Häuschens“ nebenan.

Von Anja Settnik

KALKAR-HÖNNEPEL | Die Straßenbezeichnung besteht noch heute. Doch der Weg mündet in einer Sackgasse. Nur Radfahrer und Spaziergänger dürfen die Welt hinter dem Gatter betreten, und sie tun es gern, denn der Deich ist ein neues touristisches Highlight der Stadt Kalkar. Vor 20 Jahren musste für den Deichbau eine bekannte Gaststätte weichen: „Thenagels“ mit dem roten Häuschen nebenan. Sehr gut erinnert sich daran Helmut Sanders, der mit seinem Tambourcorps jahrzehntelang im Saal der Wirtschaft probte. Auch die Bruderschaft habe regelmäßig dort getagt; unvergessen die adventlichen Preisschießen, bei denen Gänse und Enten zu gewinnen waren. Wenn sie nicht vorher ausbüxten und in den Wiesen verschwanden. In dem dicken Band über Hönnepel, den Sanders vor Jahren gemeinsam mit Wilfried Görden geschrieben hat, ehrt ein eigenes Kapitel die Kneipe, die einst eine von mehreren in Hönnepel war. Aber Thennagels war besonders, weil man dort am Rheinufer so schön Schiffe gucken konnte. Und eine Sperrstunde so weit ab vom Schuss war unbekannt.

„Außerdem war der Wirt Gerd ein echtes Original. Er betrieb die Kneipe zusätzlich zur Landwirtschaft und begrüßte Stammgäste gerne mit dem Satz: ,Ek drenk enne Schnaps, was drenkst Du?’ Man hat ihn gerne eingeladen, denn es war immer schön bei Gerd und seiner Frau Maria, obwohl’s nur Flaschenbier gab und nicht viel zu essen.“ Es waren übrigens nicht nur Hönnepeler, die in ihrer Freizeit gerne mal ein Stündchen an der Theke oder auf der Terrasse saßen. Seit den 50er-Jahren erholten sich dort auch oft Matrosen, die den Kies der Baggerei Maas-Roeloffs an Bord nahmen. Ein breites Fließband schaffte Sand und Kies gleich bis zu den Schleppern. Die Rheinschiffer orientierten sich am „roten Häuschen“, das an einer schlecht einsehbaren Rheinkurve lag. Um 1900, als es noch keine Dampfschiffe auf dem Rhein gab, wurden die Schiffer an dieser Stelle mit Warnlaternen vor aufziehendem Sturm gewarnt. Kleinbauern und Fuhrunternehmer verdienten sich ein Zubrot, indem sie mit Hilfe von Pferden flussaufwärts die hölzernen Segelkähne treidelten.

Ein Umschlagplatz wie das rote Häuschen war natürlich ideal, um nebenan eine Kneipe zu betreiben. Erbaut hatte den Hof das Ehepaar van Bebber. Gerd Thennagels erwarb die Gebäude und das Land, das er ab 1939 mit seiner Frau Maria bewirtschaftete. Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor: Cilly, die heute mit ihrem Mann in Krefeld lebt, und Franz, der schon in jungen Jahren an plötzlichem Herzversagen starb. „Das war ein schlimmer Schlag für die Eltern, die deshalb von heute auf morgen ihren Betrieb aufgaben und 1975 zu uns nach Krefeld zogen“, erzählt Hermann van Rickelen, der Schwiegersohn. Seine spätere Frau Cilly hatte er 1965 kennengelernt, als der Jungbauer mit der Heimvolkshochschule Rindern unterwegs war und die Gaststätte Thennagels besuchte. „Sonntags war dort Schiffe gucken angesagt; da gab’s wegen der Verladestation immer viel zu sehen“, erinnert er sich. Seine Frau hänge noch heute sehr an Hönnepel, und da die van Rickelens dort noch Land verpachtet haben, ist der Kontakt nach Hönnepel nicht abgerissen.

Dabei hat sich so viel geändert im Ort und drumherum. „Den Hof, die Kneipe und das rote Häuschen gibt’s nicht mehr, die würden sonst mitten im Damm stehen“. Man könne sich aber an einer Baumgruppe orientieren; etwa dort waren Thennagels zu Hause. Übrigens war die gastliche Zeit mit dem Wegzug des Wirtepaars und der Verpachtung des Hofes noch nicht ganz vorbei. „Einige Jahre lang gab es dort noch die ,Niederrheinische Bilderstube’, eine Hobbymalerin habe dort auch Ausstellungen organisiert. Schließlich wurde das Haus noch umgebaut zu einigen Wohnungen. Doch schon in den 90er-Jahren erfuhren die Eigentümer, dass die Tage des Anwesens Thennagels und des rotens Häuschens gezählt waren. Die Deicherhöhung war für die Allgemeinheit wichtiger als ein Stück altes Hönnepel.