Themenwoche Nachhaltig leben

Kampf der Lebensmittelverschwendung
Foto: Kalenberg
Ramona Koch ist mit ihrem „Pickepacke Unverpackt“-Laden in der App „Too Good To Go“ zu finden. Dort bietet sie Obst und Gemüse, das nicht verkauft wurde, für wenig Geld an.

Jeder Deutsche wirft pro Jahr im Schnitt 75 Kilogramm Lebensmittel weg. Dabei gibt es genügend gute Alternativen.

Von Sebastian Kalenberg

NEUSS | In Deutschland werden jährlich zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgt. Das geht aus einer vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegebenen Studie hervor,  die die Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Versorgungskette – also vom Landwirt bis zum Verbraucher – analysiert hat. Besonders auffällig ist dabei der hohe Anteil privater Haushalte an der Lebensmittelverschwendung. Mit 6,1 Millionen Tonnen fallen mehr als die Hälfte der entsorgten Lebensmittel beim Verbraucher selbst an. Pro Kopf ergibt das 75 Kilogramm weggeworfene Lebensmittel in Deutschland – und das jährlich. In Neuss gibt es mehrere Aktionen, Initiativen und Vereine, die der übermäßigen Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt haben. Mit diesen Angeboten kann jeder Neusser helfen:

Lebensmittel Fair-Teilen (Verein) Der gemeinnützige Verein aus Neuss möchte mit seinem Engagement Menschen für die enorme Lebensmittelverschwendung sensibilisieren. „Das Thema hat viele Facetten“, erklärt Vereinssprecher Hans Christian Markert. „Unser Fokus liegt im Bereich der Landwirtschaft.“ Seit 2012 engagiert sich der Verein und rettet einwandfreie Lebensmittel, die sonst weggeschmissen werden würden, von Feldern und Äckern. „Man kann in etwa davon ausgehen, dass weltweit 50 Prozent der Früchte, die angebaut werden, am Ende nicht auf einem Teller landen. Das ist aus meiner Sicht nicht hinnehmbar“, erklärt Markert. „Unser Anspruch ist es die Lebensmittel auf dem Acker zu retten.“

Eine große Aktion, die auch in diesem Jahr wieder stattfinden soll, ist die Nachernte auf dem Lammertzhof im September: Kräuter, Salate, Kartoffeln, Möhren, die bedenkenlos gegessen werden können, aufgrund unterschiedlichster Ausschlusskriterien aber nicht im Supermarkt landen, werden vom Verein und den freiwilligen Helfern gerettet. „Das sind Kartoffeln, die vielleicht nicht perfekt rund sind. Möhren, die nicht der passenden Größe oder Form entsprechen“, beschreibt Markert, der sich über jeden Helfer auf den Feldern freut. „Wer uns unterstützen will, hilft bei der Nachernte mit. Auch Landwirte, die ihre Felder für solche Aktionen zur Verfügung stellen, sind immer gerne gesehen. Oder Restaurants, die mal einen ganzen Tag nur mit geretteten Lebensmitteln kochen.“

Too Good To Go (App) „Donnerstags bekommen wir neue Ware geliefert und räumen den Laden um“, sagt Ramona Koch, Inhaberin von „Pickepacke Unverpackt“ in der Innenstadt. „Obst und Gemüse, das nicht mehr lange haltbar wäre, stellen wir dann bei ‚Too Good To Go’ rein.“ Über die App können Restaurants, Geschäfte und Bäckereien übrig gebliebene Lebensmittel für einen kleinen Geldbetrag anbieten. Bei Ramona Koch kostet die Überraschungsbox mit Obst und Gemüse drei Euro. Der Inhalt ist jede Woche unterschiedlich. Orangen, Paprika, Pastinaken. „Was bei uns eben so übrig bleibt. Die Sachen sind dann natürlich nicht mehr knackefrisch, aber alle noch problemlos genießbar. Der Wert der Box liegt so bei neun Euro“, sagt die Inhaberin des Unverpackt-Ladens.

Über die App lassen sich im Stadtgebiet mehrere Anlaufstellen finden. So zum Beispiel die Bäckerei Oebel am Holzheimer Weg, die Brownie-Bäckerei „Big B“, der Kaufland-Supermarkt an der Breslauer Straße, sowie einige Shops an Tankstellen.

Essensretter Neuss (Facebook) Gegründet hat sich der Verein der Essensretter in Köln-Worringen. „Wir kümmern uns um Lebensmittel, Tiernahrung, Pflanzen oder Non-Food-Artikel, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr verkauft werden, aber noch genießbar oder verwertbar sind“, heißt es auf der Internetseite des Vereins. Um möglichst viele Menschen für diese Sachen begeistern zu können, hat der Verein auch für Neuss eine Facebook-Gruppe erstellt. Dort kann jeder übrig gebliebene Lebensmittel einstellen, die der Verein dann abholt.

Foodsharing.de (Internetseite) Auch die 2012 in Berlin gegründete Initiative Foodsharing hat sich zur Aufgabe gemacht, ungewollte und überproduzierte Lebensmittel aus privaten Haushalten oder Betrieben zu retten. Über die Internetseite kann sich jeder „Foodsharer“ mit anderen Mitgliedern vernetzen, Lebensmittel einstellen, verschenken oder von anderen angebotene Lebensmittel abholen. „Gib‘ nur weiter, was du auch noch essen würdest“, lautet das Motto der Seite. Auf einer Karte werden alle Essenskörbe mit übrig gebliebenen Lebensmitteln angezeigt. Wer bei dem Betreiber einen Schritt weitergehen möchte, der kann „Foodsaver“ werden und Essen direkt von teilnehmenden Kooperationspartner abholen.

Info

„Zu gut für die Tonne“ von der Bundesregierung

Kampagne Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft möchte Wertschätzung für Lebensmittel erhöhen und Verschwendung reduzieren.

Koalitionsvertrag Dort ist eine Halbierung der Pro-Kopf-Verschwendung bis 2030 festgehalten. Dieses Ziel haben die Vereinten Nationen 2015 aufgestellt.