Junger Spitzen-Vorleser aus der sechsten Klasse
Foto: Gymnasium Norf
Younes Schmidt hat beim Landesentscheid 15 Konkurrenten.

Sechstklässler Younes Schmidt könnte zum besten Vorleser in NRW gekürt werden. Auch in der Wettbewerbs-Jury sitzt eine Neusserin.

Von Julian Budjan

NEUSS | Am Donnerstag ist es soweit. Dann entscheidet die Jury des Vorlesewettbewerbs, der alljährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet wird, über den besten jungen Vorleser in NRW. Einer der 16 Teilnehmer ist der Neusser Younes Schmidt, der in die sechste Klasse des Gymnasium Norfs geht. Fünf Runden hat er bereits gewinnen können. Erst wurde er zum besten Vorleser seiner Klasse gekürt, dann der Schule, der Stadt Neuss, des Rhein-Kreises und schließlich des Bezirks Düsseldorf Süd.

„Wir sind wahnsinnig stolz, haben bei jeder Runde mitgefiebert. Und dann ist er einfach immer weitergekommen“, sagt Vater Björn Schmidt. Von ihm und Mutter Zülal Schmidt war der heute 11-jährige Younes es schon von kleinauf gewohnt, Geschichten vorgelesen zu bekommen. „Ich lese selbst gerne und viel, in den Urlaub nehmen wir immer etliche Bücher mit“, sagt die Mutter.

Seine Leidenschaft für das Lesen sei aber aus ihm selbst heraus entstanden: „Ich lese schon lange regelmäßig. Durch Corona habe ich noch mehr Bücher gelesen. Mir war oft langweilig. Ich konnte ja nicht raus zum Fußballspielen“, sagt Younes. Am liebsten mag er Bücher, in denen es um Abenteuer und Action geht, wie die „Young Samurai“-Reihe von Chris Bradford, aber auch menschliche Geschichten haben es ihm angetan, wie „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz, wo es um die Fluchtgeschichten von drei Jugendlichen geht, oder das Buch „Wunder“ von Raquel J. Palacio. Dieses ist die Erzählung über den Außenseiter August, der wegen seines entstelltem Gesichts in der Schule oft gehänselt wird. „Aber mit der Zeit findet er Freunde, die ihm helfen; selbst die Mobber vom Anfang – das finde ich toll“, sagt Younes.

Für einander einstehen, egal wie jemand aussieht – so die Botschaft des Buchs, das er bereits für den Landesentscheid in einem vierminütigen Video vorgelesen hat. Die Bücher und Textstellen hat Younes ohne die Hilfe seiner Eltern ausgesucht und selbst überlegt, wie er die Stimmen imitiert. Er hätte gerne vor Publikum vorgelesen, sagt Younes, aber coronabedingt ging das nicht. Er sei natürlich trotzdem ganz aufgeregt, verrät Mutter Zülal. Und Younes selbst sagt, er möchte unbedingt gewinnen.

Ob er am besten vorgelesen hat, darüber entscheiden fünf Juroren, die am Donnerstag in Düsseldorf die eingesendeten Videos sichten. Eine von ihnen ist die Neusserin Dorothea Gravemann, die das Bücherhaus am Münster führt. Half sie zuletzt immer beim städtischen Wettbewerb mit, wurde sie diesmal für den Landesentscheid angefragt. Und sie freut sich auf die Aufgabe: „Ich finde es ganz spannend zu sehen: Welche Textstellen haben sie sich ausgesucht, wie performen sie die, was stellen sie sich dabei vor“, sagt Gravemann.

Auf einen Heimvorteil kann Younes bei ihr nicht hoffen, wie Gravemann betont: „Ich habe ihn noch nicht vorlesen gehört, er ist für mich ein Kind auf Video wie alle anderen auch. Das ist eine Frage der Fairness.“ Am meisten Punkte gebe es für die Lesetechnik: Stimmen Lautstärke, Tempo, Aussprache und Sprechpausen? Dann gehe es um die Interpretation: „Begreift das Kind, was es da vorliest?“, erklärt Gravemann. Betonungen und Stimmveränderungen müssen passen. Und schließlich entscheide mit, welche Aussagekraft die Textstelle über das Buch und seine Protagonisten habe.

Es gehe bei diesem Wettbewerb vor allem darum, in Zeiten von Smartphones und Spielekonsolen Kinder für das Lesen zu begeistern: „Lesen muss für Kinder etwas Schönes sein, das sie gerne und freiwillig machen. Das geht auch ohne Spielekonsolen zu verteufeln“, sagt sie. Ein Buch als etwas zu sehen, mit dem man in andere Welten eintauchen könne, etwas, das einen berühre und dabei helfe, „die eigene Welt und die anderer Menschen zu verstehen“. Genauso wie bei Younes und seinem Mitgefühl mit August. Das Lesen weiter gezielt zu fördern, das hält Gravemann für enorm wichtig.„Lesen als Kulturtechnik ist für alle Formen des Wissenstransfers notwendig. Das wird auch im digitalen Zeitalter so bleiben.“ Lesekompetenz brauche es, um Informationen von Meinungen zu unterscheiden. Das werde angesichts der Informationsflut im Internet immer bedeutsamer.

Das alles kann Younes. Sollte er die Jury überzeugen und den NRW-Entscheid gewinnen, würde ihn das Bundesfinale erwarten, das im Fernsehen übertragen wird. „Das wussten wir noch nicht“, sagt Gülal Schmidt freudig, „Younes sitzt hier und hat ein breites Grinsen im Gesicht.“

Info

Das Bundesfinale wird im Fernsehen übertragen

Wettbewerb 350.000 Schüler nahmen 2020/21 am Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels teil. Es gibt ihn bereits seit 1959.

Fernsehen Das Bundesfinale der 16 Landessieger wird in Kooperation mit RBB und Kika geplant und in der ARD ausgestrahlt.