Interview Norbert Schöndeling

„Historische Gebäude geben Identität“
RP-Foto: Andreas Bretz
Professor Norbert Schöndeling prüft in Meerbusch Vorschläge, welche Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden sollten.

Der Denkmalbeauftragte erklärt, welche Pflichten sich für Eigentümer von geschützten Gebäuden ergeben.

MEERBUSCH | Wenn ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird, freut das meist die Öffentlichkeit. Aber die unmittelbar „Betroffenen“ sind nicht immer glücklich über ihr neues Denkmal. Da ist beispielsweise der Investor, der das alte Gebäude ursprünglich abreißen und dort ein Mehrfamilienhaus errichten wollte. Der Hausbesitzer, der sein Haus verkaufen, umbauen oder umfangreich renovieren möchte. Oder eine Erbengemeinschaft, die das Grundstück, auf dem sich das Denkmal befindet, zu Geld machen möchte. Über das Thema Denkmalschutz haben wir mit Norbert Schöndeling gesprochen. Der Osterather ist seit 2003 Professor für Denkmalpflege an der TH Köln und ehrenamtlich Denkmalbeauftragter der Stadt Meerbusch.

Wie viele Denkmäler gibt es in NRW und wie viele in Meerbusch?

NORBERT SCHÖNDELING | Aktuell stehen in NRW rund 80.000 Objekte unter Denkmalschutz, in Meerbusch sind es etwa 170. Dies entspricht nur etwa vier Prozent aller Gebäude. Meerbusch zeichnet sich im Vergleich zu anderen Städten und Gemeinden nicht durch eine besonders hohe Denkmaldichte aus.

Was alles kann Denkmal sein?

SCHÖNDELING | Denkmäler werden als gebaute Urkunden der Geschichte verstanden. So wie eine Akte oder Urkunde im Meerbuscher Stadtarchiv unsere Geschichte dokumentiert, legen auch die Gebäude Zeugnis ab vom Leben und Arbeiten in vergangenen Epochen. Um die Geschichte umfassend zu bewahren, werden entsprechend bauliche Zeugnisse aus allen Bereichen benötigt. Das sind eben nicht nur die Kirchen, Schlösser und reichen Bürgerbauten, sondern auch die einfacheren Gebäude oder die Zeugnisse der Arbeitswelt.

Sind Denkmäler immer schön?

Schöndeling Nein, Denkmäler bezeugen unsere Geschichte in ihrer ganzen Vielfalt. Dazu gehört auch das einfache Landarbeiterhaus, die alte Scheune oder die Werkhalle. Baukünstlerische Qualität ist nur eines von mehreren Kriterien. Dass viele Baudenkmäler auch eine hohe architektonische Qualität besitzen, ist ein sehr reizvoller Nebeneffekt.

Ein Denkmal bedeutet auch Verpflichtung – welche Pflichten sind das beispielsweise?

SCHÖNDELING | Die Eigentümer und Nutzer eines Denkmals haben die Verpflichtung, ein Baudenkmal möglichst authentisch zu bewahren, vor Gefahren zu schützen und Bauschäden zu beseitigen. Dies klingt wie eine schwere Last, aber eigentlich sind dies Aufgaben, die jede Eigentümerin und jeder Eigentümer einer Immobilie erfüllt, um den Wert des eigenen Besitzes zu bewahren. Dies ist erst einmal nicht vom Denkmalschutz abhängig.

Manche Grundstücksbesitzer sagen: „Wenn auf meinem Grundstück ein Denkmal steht, drückt das den Verkaufspreis.“ Wie reagieren Sie auf so eine Aussage?

SCHÖNDELING | Ja, das mag manchmal so sein. Wenn man Besitzer eines 250 Jahre alten Baudenkmals ist, dann darf man dieses nicht abreißen, nur weil man anschließend das freigeräumte Grundstück gewinnbringend an einen Investor verkaufen kann. Dies klingt auf den ersten Blick nach Enteignung. Die Verpflichtung ist aber gestützt durch den Artikel 14 des Grundgesetzes, wonach eben Eigentum auch mit Verpflichtungen verbunden ist. Der historische Wert eines Gebäudes für eine Stadt kann nicht davon abhängen, ob mit dem freigeräumten Grundstück Gewinn erzielt werden kann.

Hat es denn auch Vorteile, in einem Denkmal zu leben oder eines auf seinem Grundstück zu haben?

SCHÖNDELING | Aber ja, viele Baudenkmäler besitzen eine Qualität und einen Charme, den Neubauten nicht bieten können. Zudem können Denkmaleigentümer für anstehende Erhaltungsmaßnahmen Zuschüsse und insbesondere auch Steuerabschreibungen in Anspruch nehmen, die finanziell durchaus auch interessant sein können. Hier bietet die Untere Denkmalbehörde umfangreich Beratung an.

Wer kann ein mögliches Denkmal vorschlagen?

SCHÖNDELING | Grundsätzlich kann jeder Bürger und jeder Verein der Unteren Denkmalbehörde Hinweise auf ein interessantes Gebäude geben. Dies kann insbesondere auch dann hilfreich sein, wenn die historische Bedeutung und die alte Substanz nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. In der Praxis werden aber 95 Prozent der Objekte von den Denkmalbehörden selbst ermittelt.

Prüfen Sie jeden Vorschlag?

SCHÖNDELING | Natürlich. Es wäre ja unverzeihlich, wenn ein vielleicht spannendes Gebäude für die Meerbuscher Geschichte unentdeckt bliebe. Hinzu kommt, dass mit dem Lauf der Zeit auch immer wieder neue Epochen in den Fokus der Denkmalpflege geraten. Derzeit laufen bundesweit intensive Untersuchungen zu der Frage, welche Objekte der 1960er und 70er Jahre für spätere Generationen als Baudenkmal bewahrt werden sollen.

Wann und wie erfahren Eigentümer, dass ihr Haus oder ein Gebäude auf ihrem Grundstück auf Denkmalwürdigkeit geprüft wird?

SCHÖNDELING | Das ist ganz unterschiedlich. Oft aber schon sehr früh. Alleine deshalb, weil man den Denkmalwert nicht nach Aktenlage, sondern nur durch intensive Dokumentation des Objektes selber bewerten kann.

Können Bürger das Denkmalschutz-Gutachten anfechten?

SCHÖNDELING | Ja, gegen die Eintragung in die Denkmalliste kann vor dem Verwaltungsgericht geklagt werden. Die Gerichte überprüfen dann, ob die von den Denkmalbehörden angeführten Begründungen zum Denkmalwert unzureichend oder fehlerhaft waren.

Wer entscheidet, was denkmalwürdig ist? Können Sie den Ablauf kurz skizzieren?

SCHÖNDELING | Das Denkmalschutzgesetz gibt die Kriterien vor, an Hand derer der Denkmalwert zu überprüfen ist. Dies geschieht auf der Grundlage umfangreicher bauhistorischer Untersuchungen und gutachterlicher Bewertungen. Die Beurteilung erfolgt im Zusammenwirken von Unterer Denkmalbehörde, die bei der Stadt sitzt, und dem Landeskonservator. Kann der Denkmalwert juristisch belastbar begründet werden, dann hat die Stadt das Gebäude in die Denkmalliste aufzunehmen.

Warum sind Denkmäler wichtig für eine Stadt wie Meerbusch?

SCHÖNDELING | Man stelle sich vor, in Meerbusch gäbe es kein Gebäude, das älter als 50 Jahre wäre, sondern die Stadtteile würden nur aus Neubaugebieten bestehen. Wie würden wir unsere Stadtteile wahrnehmen? Historische Gebäude geben der Stadt Identität. Sie machen die einzelnen Ortsteile unverwechselbar und vermitteln ein Gefühl von Vertrautheit und Heimat. Die Baudenkmäler erzählen uns vom Leben und Arbeiten unserer Vorfahren. Um diese Geschichte immer wieder neu erzählen zu können, brauchen wir die Gebäude als Dokumente.

Verena Bretz führte das Gespräch.