Mensch & Stadt

Autorinnen blieben nicht „sprachlos“
Fotos (2): nop
Der Gospelchor „Joyful Voices“ sorgte für den musikalischen Rahmen im Martinstift.

Am Sonntag fand nach einer Coronapause die Preisverleihung des Moerser Literaturpreises im Martinstift statt.

Von Ulrike Rauhut

MOERS | Ein Gutes hatte die Coronazeit für die Autorinnen vom Niederrhein. Sie hatten viel Zeit und Muße zum Schreiben und blieben nicht „sprachlos“, wie das diesjährige Motto der Ausschreibung lautete. Die sechsköpfige Jury der Moerser Gesellschaft zur Förderung des literarischen Lebens hatte drei Siegertexte aus insgesamt 40 eingereichten Texten ausgewählt.

Nach einer ausgefallenen Veranstaltung zur festlichen Preisverleihung im vergangenen Jahr konnte die Moerser Gesellschaft ihre Gäste nun wieder im Martinstift willkommen heißen. Einen schönen Rahmen gab es durch die schwungvolle Gospelmusik der Joyful Voices. Nur der traditionelle Sektempfang musste in diesem Jahr aufgrund der Corona-Bestimmungen entfallen. So stand die Lesung der drei Texte deutlich im Mittelpunkt.

Alle hätten sie fasziniert und beeindruckt, sagte Helena Gardemann, Marketingreferentin der Volksbank Niederrhein, die ihren Chef Guido Lohmann in diesem Jahr vertrat. Sowohl die Auswahl als auch die Reihenfolge seien stets auch ein subjektives Votum der Jury, betonte sie. Tatsächlich ließ sich aus dem Applaus für die vorgelesenen Texte ableiten, dass das Publikum sich eine andere Reihenfolge gewünscht hätte. Doch die Veranstalter hatten offenbar den Plan vom vergangenen Jahr wieder verworfen, das Publikum nach der Lesung mitentscheiden zu lassen.

Wie in der Vergangenheit waren die Texte wunderschön, anrührend und tiefgreifend. Wie erwartet standen wieder einmal die Tragik und Melancholie des Lebens im Vordergrund. Dabei wäre das Publikum gewiss über Geschichten mit etwas Leichtigkeit und mutmachender Lebensfreude dankbar gewesen. Insbesondere in diesen Zeiten.

Den dritten Platz und damit 750 Euro von der Rheinischen Post errang Julia Holtz. Sie wurde 1987 geboren, lebt in Krefeld und schreibt in ihrer Freizeit. Ihr Text „Ich bin noch da“ ist aus der Sicht einer älteren Person geschrieben, die geistig hellwach in einem nicht mehr funktionierenden Körper gefangen ist. Allein mit Augenbewegungen kann sie noch kommunizieren. Durch die Corona-Regeln ist sie zudem zur Einsamkeit verdammt, hat nur ihre Pfleger, kann nicht von der Familie besucht werden. Bei einem Ausflug in den Park tagträumt sie sich an den Grund eines Teiches, begegnet dort geheimnisvollen Wasserwesen und nimmt die Schönheit der Natur mit jeder Faser ihrer noch verbliebenen Sinne dankbar auf. Das Moerser Publikum tauchte gerne mit ab, fühlte mit, ließ sich anrühren und schenkte einen langen Applaus.

Der zweite Platz und damit 1000 Euro von der Moerser Gesellschaft ging an Saskia Wolff. Die 48-jährige wohnt in Kempen und ist hauptberuflich Autorin, Texterin und Beraterin. Sie habe beim Lesen einen „Kloß im Hals“ gehabt und sei aus ihrer Komfortzone heraus gegangen, kommentierte die Laudatorin Fania Burger den Text. Er erzählt aus der Sicht einer Mutter, die ihre Wohnung verlässt, nachdem etwas Schlimmes geschehen ist. Doch was genau? Das ahnt man als Zuhörer nur und hält den Atem an. Der Blick in den Spiegel, ein Stofftier, zwei benutzte Teller, eine leere Wohnung und beklemmende Stille. Die Gefühlslage einer Mutter nach dem Tod ihres siebenjährigen Sohnes.

Der dritte Text stammt von Patricia Janßen aus Geldern und heißt „Das Erbe“ und hat auch eine kritische Botschaft. Die 30-jährige hatte zum Thema „sprachlos“ nach ausgestorbenen Sprachen recherchiert, war auf einen Mann aus Nairobi gestoßen und hatte seine Geschichte in eine fiktive Begegnung mit seiner Großnichte verpackt, die an einem vergessenen Ort Worte einer Sprache notiert, damit diese nicht ganz verloren geht. Dabei werden auch die Verbrechen der fremden Weißen angesprochen, die zum Aussterben des afrikanischen Volkes und seiner Sprache beigetragen haben.

Patricia Janssen konnte sich als Siegerin für ihr Werk über satte 1500 Euro von der Volksbank Niederrhein freuen.

Info

Der Moerser Literaturpreis

24. Ausgabe Bereits zum 24. Mal wird der Moerser Literaturpreis verliehen – ein Literaturwettbewerb, der sich an Autorinnen und Autoren in der gesamten Region Niederrhein richtet.

Gründung Er wurde im Jahr 1998 von der Volksbank Niederrhein zusammen mit der Moerser Gesellschaft zur Förderung des literarischen Lebens ins Leben gerufen und ist in Zusammenarbeit mit der Rheinischen Post längst ein fester Bestandteil im kulturellen Jahreskalender der Stadt Moers geworden.