Es bleiben Angst und Unsicherheit
Foto: DRK
René Wodka, Rettungssanitäter beim DRK in Wuppertal.

PROTOKOLL Die Pandemie hat den Berufsalltag von Rettungssanitäter René Wodka enorm verändert. Täglich sucht der 38-Jährige bei seinen Einsätzen in Wuppertal für das Deutsche Rote Kreuz Klinik-Betten.

René Wodka und seine Kollegen sind zunehmender physischer und psychischer Belastung ausgesetzt. Hier erzählt Wodka von seinen Erfahrungen:

„Die Zahl der Einsätze hat sich in den vergangenen Wochen deutlich gesteigert, die Lage entwickelt sich dynamisch, wir müssen uns immer auf neue Umstände einstellen. Durch die hohen Belegungszahlen in den Krankenhäusern müssen wir nicht nur bei einem Corona-Verdacht vorher grundsätzlich anrufen, sondern mittlerweile bei jedem Patienten. Das hat sich so eingebürgert.

Natürlich müssen wir auch häufig mal eine andere Klinik anfahren, wenn es keine Kapazitäten gibt. Das läuft aber alles kollegial ab, es gibt immer eine Möglichkeit, einen Patienten unterzubringen, auch weil es in Wuppertal auf relativ kleinem Raum viele Kliniken gibt. Es den Patienten zu erklären, die ja eigentlich frei wählen dürfen, ist allerdings oft anstrengend.

Generell hat die Corona-Pandemie unsere Arbeit in vielerlei Hinsicht stark verändert, die Belastung ist einfach größer geworden. So gibt es für das Tragen von FFP2-Masken eigentlich zeitliche Beschränkungen, das gilt aber nicht in Notfällen. Wenn der Rettungsdienst gerufen wird, ist das aber immer ein Notfall. Deshalb tragen wir bei Einsätzen stets FFP2-Masken, weil sie den besten Schutz bieten. Gerade im Sommer ist das nicht leicht.

Verändert hat sich auch das Vorgehen beim Patienten. Wir sind ja immer zu zweit mit dem Wagen unterwegs. Vor Ort geht erst mal nur einer zum Patienten, misst die Temperatur und fragt Symptome ab, der zweite Sanitäter bleibt zurück. Je nach Ergebnis wird die Schutzstufe erhöht. In der kleinsten tragen wir eine FFP2-Maske, unsere persönliche Schutzbrille und Rettungsdienstkleidung; das lässt sich dann aufrüsten bis zum Vollschutzanzug mit Faceshield, aerosoldichter Brille und Schuhüberziehern. Wenn man damit eine Stunde arbeitet, manchmal sogar reanimiert, ist man nassgeschwitzt. Weil die Brillen beschlagen, sieht man nach zehn Minuten so gut wie nichts mehr.

Für den Fall, dass es zu einem bereits bestätigten Corona-Patienten geht, haben wir extra Fahrzeuge. Die haben weniger Equipment an Bord und können leichter desinfiziert werden. Als Rettungssanitäter fahren wir dann schon vollgeschützt zum Patienten. Das ist alles in Leitlinien festgelegt, und diese Maßnahmen geben uns auch Sicherheit. Trotzdem bleiben auch Ängste und Unsicherheiten, die es zu verarbeiten gilt. Es gibt zwar ein psychologisches Hilfsangebot vom DRK, bei 99 Prozent der Einsätze läuft der Austausch aber über die Kollegen, mit denen man sich gut versteht, sich bespricht. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man in dem Beruf keine falsche Stärke zeigen darf. Wenn es etwas gibt, was einem nahegegangen ist, muss man auch darüber reden. Gerade jetzt.

Nicht nur wegen Corona schaue ich mit Sorge in die Zukunft. Sondern vor allem, was die Rahmenbedingungen für unseren Beruf angeht. Es gibt auch bei uns einen enormen Fachkräftemangel, sicher in einer ähnlichen Dimension wie bei den Pflegekräften. Nur fehlt ein Sprachrohr für den Rettungsdienst, der fällt in der öffentlichen Diskussion total hintenüber. Dabei sind wir die Ersten, die beim Patienten sind, wir finden die Menschen in widrigsten Bedingungen, bereiten sie für den Transport in die Klinik vor und geben die Richtung für eine Behandlung und eine Therapie vor. Das muss mehr ins Bewusstsein gerückt werden und dazu führen, dass der Beruf strukturell mehr gefördert wird, zum Beispiel was eine sinnvolle Altersteilzeitregelung betrifft. Kollegen ab Mitte 50 sieht man zum Beispiel kaum.

 Das liegt auch daran, dass einen der Job über Jahrzehnte hinweg verändern kann. Überspitzt gesagt, sieht man jeden Tag das Leid der anderen, damit muss man klarkommen. Dann lässt seit Jahren der Respekt nach, man muss bei Einsätzen vorsichtiger sein, die Hemmschwelle, uns zu attackieren, ist gesunken. Auch ich bin im Dienst schon verbal und körperlich attackiert worden. Das ist aber immer die gleiche Klientel, oft sind auch Drogen und Alkohol mit im Spiel.

Trotzdem macht mir mein Beruf großen Spaß; ich freue mich tatsächlich jeden Tag, zum Dienst zu gehen. Wenn allerdings noch mehr Menschen im Gesundheitssystem das Handtuch werfen, könnte es schwierig werden. Vor diesem Hintergrund finde ich die Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegeberufe verkehrt. Weil dies dem Bürger signalisiert, dass wir das Problem sind, und wenn wir geimpft sind, ist das Problem weg. Das ist der falsche Ansatz. Ich verurteile niemanden, der nicht geimpft ist, weil es ja auch Krankheiten und andere Gründe gibt, eine Impfung ausschließen.

Wenn, sollte es eine generelle Impfpflicht geben. Aber ich glaube, dass wir Corona erst im Griff haben werden, wenn es auch ein wirksames Medikament gegen die Krankheit gibt. Ganz verschwinden wird Corona wohl nie.“

Protokolliert von Jörg Isringhaus.

Info

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