Serie Was macht eigentlich...?

Michaela Noll zeigt Mut zur Freiheit
Foto: Stephan Köhlen
Mchaela Noll interessierte sich schon immer für die Fotografie, doch jetzt hat sie mehr Zeit für ihr Hobby.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete für den Südkreis Mettmann hat auch ihre Ämter im CDU-Kreisverband aufgegeben und richtet sich im Privatleben ein.

Von Uli Schmidt

KREIS METTMANN | Sie öffnet neuerdings wochentags die Tür ihres schönen Hauses am Waldesrand, lädt gut gelaunt zum Vormittagskaffee ein und hat Zeit zum Plaudern. All das ist für die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Michaela Noll ein Novum. Ende November hat sie auch den stellvertretenden Vorsitz der CDU im Kreisverband und alle damit verbundenen Ämter abgegeben. Über 20 Jahre Politik-Arbeit liegen hinter einer Frau, die für ihre Partei in der Vergangenheit durch beeindruckende Wahlergebnisse, Direktmandate und besonders für ihren Einsatz in der Familienpolitik viele Lorbeeren in Berlin einheimste. Jetzt hat sie alle Erinnerungen in Kartons – im Keller. „Die habe ich aus meinem Büro und aus der dortigen Wohnung mitgebracht. Das muss jetzt alles sortiert werden. Am liebsten sind mir die Danksagungen. Die werde ich behalten.“

Ganz persönliches Lob begegnet ihr neuerdings im Wald, wenn sie von vorüberfahrenden Radlern beim Spaziergang erkannt wird: „Hey, Frau Frau Noll! Sie haben einen guten Job gemacht!“ Die gebürtige Düsseldorferin und studierte Juristin setzte sich vor Jahren zum Ziel, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Politik arbeite zwar langsam, aber: „Wenn ich heute mit meinem inzwischen 30 Jahre alten Sohn und seiner Lebenspartnerin spreche, dann merke ich schon, dass sich die Rahmenbedingungen für junge Familien positiv geändert haben.“ Sie kann sich noch gut erinnern, dass ihr Sohn unter dem Schreibtisch spielte. Nur mit Hilfe von Aupair-Mädchen und Nachbarinnen war damals Betreuung möglich, wo es heute Kita-Plätze gibt.

Dafür revanchiert sich Sohn Max mit Humor: Ein erstes Geschenk zum politischen Ruhestand der Mutter war ein Gutschein für einen gemeinsamen Kochkurs. Überhaupt ist für Michaela Noll jetzt – und nicht nur zu Weihnachten – eine Zeit gekommen, „mich endlich mehr um Familie und Freunde kümmern zu können.“ Da wären eine jüngere Schwester in Australien oder Halbgeschwister aus der zweiten Ehe ihres früh verstorbenen Vaters, die in Frankreich leben. Ihre beste Freundin, die genau wie sie am Heiligabend Geburtstag hat, kam mit ihrer Familie erst vor kurzem zu Besuch. „Ich hatte so wenig Zeit in der Vergangenheit, meine Freundschaften zu pflegen, und bin jetzt sehr dankbar, dass das akzeptiert werden konnte.“ Aktuell will die Ex-Politikerin in die Berge, um dort zwei Freundinnen aus Kinderzeiten zu besuchen. „Seit 52 Jahren fahre ich in die Gegend von Davos. Das Naturschauspiel, die Ruhe und Abgeschiedenheit liebe ich sehr. Egal ob beim Wandern oder Ski-Fahren.“, sagt die ausgebildete Ski-Lehrerin.

Die neue Freizeit in der Heimat hat sie zusätzlich für Sportarten wie Yoga, Pilates und Schwimmen im Waldbad eingeplant. Als Mitglied des Bundestages von 2002 bis 2021 hat sie anstrengende Zeiten hinter sich. Ja, Politik sei manchmal ein brutales Geschäft. Man dürfe besonders als Frau nicht zu zart besaitet sein. „Zum Glück habe ich ein dickes Fell.“, schmunzelt die selbstbewusste Gesprächspartnerin. Besonders das Pendeln zwischen Berlin und Haan sei „eine Tortur“ gewesen. Das Unberechenbare in der Politik hat sie dagegen immer fasziniert. „Das war für mein Leben prägend. Ich konnte etwas bewegen, es gab nie Routine.“ Als Präsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft ist Noll noch bis April nächsten Jahres tätig. „Da war ich als Gastgeberin gefordert, weil ich 500 Eingeladenen wegen Corona den traditionellen Weihnachtsempfang absagen musste.“ Auch europäische Staatsgäste sind an Corona-Regeln gebunden.

Gefragt nach ihren Vorbildern hat die 61Jährige eine klare Antwort: Ganz sicher der erst kürzlich verstorbene Parteifreund Manfred Stuckmann („Stucki“) aus dem Kreisverband, der sie bei ihrer politischen Karriere entscheidend förderte. Und dann muss unbedingt noch „Ömelchen“ erwähnt werden, bei der die erfolgreiche Enkeltochter mit iranischen Wurzeln aufwuchs. Über die Großmutter in Meerbusch, die mit 99 Jahren starb, sagt sie: „Sie hat trotz zweier erlebter Weltkriege nie geklagt. Hatte echtes Format.“ Format zeigt sie auch selbst in Bezug auf ihr Hobby, das Fotografieren: „Ich halte mit der Kamera gerne mir wichtige Augenblicke fest.“ Eine ihr besonders wichtige Momentaufnahme von den Feierlichkeiten zur 25-Jahr-Feier der Deutschen Wiedervereinigung am 9. November 2014 „Mut zur Freiheit“ hängt jetzt nicht mehr in Berlin – sondern im Privathaus.

Info

Stationen einer langen Karriere

Geboren 24.12.1959 in Meerbusch

Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters.

Abitur 1980 in Mataré-Gymnasium Meerbusch

1981 Ausbildung zur Dolmetscherin

1982 Jura-Studium an den Universitäten Köln und Frankfurt

1987/1991 Juristische Staatsexamen

1994-2002 Referentin der CDU Frauenunion Düsseldorf. Stellvertretende Kreisvorsitzende Mettmann.

2002 gewählt über Landesliste in den Bundestag

2005, 2013, 2017 direkt gewählte CDU-Abgeordnete

2017 Bundestagsvizepräsidentin bis zum Ende der Legislaturperiode

2018 Präsidentin der Deutschen Parlamentarischen Vertretung

2021 Abschied von allen Ämtern in Bundestag und Kreisverband.