Gesundheitswirtschaft soll digitale Chancen besser nutzen können
F.: CDU
Dieter Welsink leitet den IHK-Ausschuss Gesundheitswirtschaft.

RHEIN-KREIS |(NGZ) Jeder sechste Erwerbstätige am Mittleren Niederrhein arbeitet in der Gesundheitswirtschaft. Die Branche erzeugt mehr als zehn Prozent der Wertschöpfung in der Region. Das teilt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein mit. Um diesen Wirtschaftszweig zu stärken und die Interessen der Unternehmen gegenüber der Politik deutlich zu formulieren, hat die Vollversammlung der Kammer auf Vorschlag des IHK-Ausschusses für Gesundheitswirtschaft ein gesundheitspolitisches Positionspapier verabschiedet. „Es geht vor allem darum, die Chancen des digitalen Wandels zu nutzen“, erklärte der Ausschuss-Vorsitzende Dieter Welsink, Geschäftsführer der Medicoreha, in der Vollversammlung.

Die Digitalisierung biete ein enormes Potenzial. Um es voll auszuschöpfen, müsse die Branche aber in einigen Bereichen dereguliert werden, so Welsink. Neben ihren Positionen zur Digitalisierung hat die IHK in dem Papier ihre Vorstellungen zur Innovationsförderung, zur Bekämpfung des Fachkräftemangels und zur Förderung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements formuliert. Welsink: „Die Gesundheitswirtschaft ist aufgrund der Pandemie derzeit außerordentlich belastet. Wir möchten mit dem Positionspapier noch einmal einen wichtigen Impuls für die Branche und ihre Beschäftigten setzen und wünschen uns vor allem weniger Regulierung.“ Beispielsweise fordert die IHK Erleichterungen bei der systematischen Auswertung von Daten aus Routineuntersuchungen. Big-Data-Initiativen sollten gefördert werden. „Gesundheitsdaten der Versicherten sollten von der Versorgungsforschung pseudonymisiert ausgewertet werden können“, fordert Welsink. Er begründet dies damit, dass das Interesse einer zukünftig besseren Versorgung aller Bürger, der Gesundheitsschutz, in diesem Fall Vorrang vor dem Datenschutz haben sollte.

Eine weitere große Herausforderung für die Branche ist der Fachkräftemangel. Laut IHK-Konjunkturbarometer Rheinland ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern das Geschäftsrisiko Nummer 1 für die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft. „Die digitale Kompetenz der Beschäftigten ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor für die Zukunft“, betont Welsink. „Gesundheitsberufe und Tätigkeitsfelder in der Branche sollten weiterentwickelt und um digitale Inhalte ergänzt werden, um den Aufbau einer digitalen Kompetenz zu gewährleisten. Digitalisierung muss mehr als bisher Bestandteil der Lehrpläne werden.“

Die Entwicklung des Biontech-Impfstoffes habe eindrucksvoll gezeigt, über welche Kompetenzen Deutschland in der Gesundheitsforschung verfügt. Dennoch herrscht nach Ansicht der IHK auch im Forschungsbereich Handlungsbedarf. Die Innovationsoffenheit kommt an vielen Stellen zu kurz: Langwierige, bürokratische und kaum praktikable Zulassungs- und Erstattungsverfahren sowie die Vielzahl an beteiligten Akteuren und Institutionen führen oft dazu, dass selbst Innovationen der Unternehmen, die sich im Rahmen von Modellvorhaben bewährt haben, nicht in die Regelversorgung gelangen. „So kann etwa das Potenzial digitaler Anwendungen und Innovationen aufgrund der Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa noch nicht vollständig ausgeschöpft werden“, erläutert Welsink. „Rahmenbedingungen für die Unternehmen sollten so gestaltet sein, dass eine standortnahe Produktion möglich ist, etwa indem schnelle und rechtssichere Plan- und Genehmigungsverfahren sichergestellt und Vorgaben für Ausschreibungen zur Arzneimittelversorgung geprüft werden.“