Wenn ein starker Wille neuen Lebensmut weckt
RP-Fotos: Gottfried Evers
Dilek Özden am Hasenberg in Kleve: Die Treppe ist kein Problem mehr. Mit viel Mut und Kraft hat er seinen Plan in die Tat umgesetzt.

Dilek Özden ist in der Fußball-Szene im Kreis Kleve ein Aktivposten. Vor anderthalb Jahren war er die abfälligen Blicke satt – und nahm 75 Kilogramm ab. Sein persönlicher Erfolg hat dem Spielertrainer des 1. FC Kleve III neues Selbstbewusstsein verschafft.

Von Maarten Oversteegen

KLEVE | Gemeine Sprüche musste sich Dilek Özden nie anhören. Doch die brauchte es auch gar nicht. Die Blicke genügten. „Wenn man sich im und für den Fußball engagiert, steht man natürlich ein Stück weit in der Öffentlichkeit. Dann merkt man, wenn die Eltern einen auf dem Fußballplatz schief angucken. Mein Gewicht scheint viele gestört zu haben, vor allem aber mich selbst“, sagt der 28-Jährige. Doch vor anderthalb Jahren fasste der Fußballlehrer einen Entschluss: Er sagte den Kilos den Kampf an. Heute ist der Klever mehr als 75 Kilogramm leichter – und so glücklich wie lange nicht.

In der Jugend der SV Bedburg-Hau galt Dilek Özden einst durchaus als begabter Junge. Doch sein Talent brachte ihn nicht allzu weit. „Ich hatte und habe eine gute Übersicht auf dem Platz, ich kann ein Spiel organisieren. Leider fehlte mir immer ein wenig die Handlungsschnelligkeit“, sagt der Fan von Borussia Dortmund. Als er im Alter von 21 Jahren mit einer Hüftverletzung ausfiel, beendete er seine Laufbahn als Fußballer. Stattdessen fokussierte er sich auf die Tätigkeit als Trainer. Dilek Özden übernahm die A-Junioren von Siegfried Materborn – und das mit Erfolg. So erhielt er 2016 ein Angebot vom Oberliga-Klub 1. FC Kleve. Am Bresserberg betreute er die B-Jugend, führte sie sogar in die Niederrheinliga. Wenig später stand er an der Seite von Lukas Nakielski bei der zweiten Mannschaft, die in der Bezirksliga spielt, an der Seitenlinie. Für Umut Akpinar, Coach des Oberliga-Teams, übernahm er die Spielanalyse.

„Ich bin heute an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Im Kreis Klever Fußball muss ich niemandem mehr etwas beweisen“, sagt Dilek Özden. Doch mit der Tätigkeit neben dem Spielfeld veränderte sich vor allem eines: sein Gewicht. Zwar sei er nie besonders schlank gewesen. „Aber ich habe irgendwann Jahr für Jahr zugenommen. Das war ein schleichender Prozess, dem ich aber meistens nicht viel entgegenzusetzen hatte“, sagt der 28-Jährige. Vor anderthalb Jahren brachte er bei einer Körpergröße von 1,73 Metern 160 Kilogramm auf die Waage. „Ich konnte im Gustav-Hoffmann-Stadion nicht mehr hochlaufen, ohne völlig außer Atem zu sein.“

Die Sorge vor Zuckerkrankheiten oder Herzproblemen war groß. Auch die Gelenke hätten sich mutmaßlich irgendwann gemeldet. „Wie durch ein Wunder hatte ich noch keine gesundheitlichen Beschwerden. Aber es hätte vermutlich nicht mehr lange gedauert. Lange hätte mein Körper das nicht mehr mitgemacht. Es war höchste Zeit, radikale Schritte einzuleiten“, sagt er. Doch was gegen das Übergewicht tun? Diäten, Sport, Therapien, Ernährungsumstellungen – Dilek Özden hatte alles schon einmal ausprobiert. Ohne Erfolg. So musste er die Notbremse ziehen.

„Ich wusste, dass ich medizinische Hilfe brauchen würde, um langfristig etwas ändern zu können. Sonst erlebt man immer wieder einen Jo-Jo-Effekt.“ So begab er sich im Oktober 2019 ins Adipositas-Zentrum NRW und ließ sich beraten – kein leichter Schritt für Dilek Özden. Die Mediziner machten deutlich: Um eine Magenverkleinerung würde er kaum herumkommen. Mit Erfolg bewarb er sich daher für einen Termin für eine Schlauchmagen-Operation. Im Mai 2021 war es dann soweit. „Die Operation verlief perfekt und ohne Komplikationen“, erinnert sich Dilek Özden, der auch schon als Scout für den Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen aktiv war.

Dabei wurden ihm 80 Prozent des Magens entfernt. Das Volumen wurde etwa auf die Größe einer Banane geschrumpft. „Wenn man sich für einen solchen Eingriff entscheidet, muss man sich absolut sicher sein. Das war ich mir. Der Magen ist ein Muskel, daher kann er sich auch wieder ausdehnen. Allerdings kann er sich niemals mehr so ausdehnen wie früher“, sagt Dilek Özden, der durch die Operation 75 Kilogramm abnahm. Zwangsläufig begann er auch, sich anders zu ernähren. Früher habe er gerne und viel gegessen. Je mehr Kalorien, desto besser. „Heute habe ich praktisch keinen Hunger mehr auf fettiges Essen. Ich kann zwar weiterhin leckere Dinge essen – aber eben über den ganzen Tag verteilt.“

Ohne den Fußball hätte er den Weg niemals eingeschlagen, sagt er. „In meiner schlechtesten Zeit hat mich der Fußball in der Gesellschaft gehalten und mir Halt gegeben. So konnte ich trotz meines Übergewichts am Leben teilnehmen.“ Allerdings bereut er, den Entschluss nicht Jahre vorher getroffen zu haben. Schließlich fühle er sich nun regelrecht wie neugeboren. „Mittlerweile kann ich auch endlich wieder ganz normal in der Stadt einkaufen – und nicht mehr nur in Geschäften für Übergrößen. Vier Mal musste ich meinen Schrank ausmisten.“

Weil er körperlich wieder in einem besseren Zustand ist, steht er auch wieder als Fußballspieler auf dem Rasen. Mit Kollegen gründete er beim 1. FC Kleve die dritte Mannschaft neu – und führte sie als Spielertrainer gleich im ersten Jahr zum Aufstieg in die Kreisliga B. In dieser Saison ist das Team im Tabellenmittelfeld unterwegs. „Dieses Projekt ist mir echt eine Herzensangelegenheit. Es macht unglaublich viel Spaß mit den Jungs – auch wenn wir nicht allzu hochklassig spielen“, sagt Dilek Özden.

Er stünde nun mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein im Leben, viel offener würde er auf Menschen zugehen. Die Blicke anderer fürchtet er nämlich längst nicht mehr. „Es ist mir nicht mehr peinlich, irgendwo hinzukommen. Ich habe auch wieder viel mehr Lust, unter Leute zu gehen oder Frauen anzusprechen“, sagt der Automobilkaufmann.

So könne er sich gar vorstellen, wieder irgendwo in anderer Funktion durchzustarten. Denkbar wäre ein Engagement als Trainer, Sportlicher Leiter oder als Teammanager. Vor drei Jahren hatte sich der Bezirksligist Viktoria Goch bereits um die Trainer-Dienste von Dilek Özden bemüht. An der Marienwasserstraße sollte er Assistent werden, damals lehnte er ab. Er blieb stattdessen beim 1. FC Kleve. Dort aber trat der Coach unlängst kürzer, die Geschicke in der Nachwuchs-Abteilung hat er in andere Hände gegeben. Wenn eine spannende Offerte kommt, wolle er durchaus mit sich reden lassen, so der 28-Jährige.

Außerdem wolle er für andere ein Vorbild sein. „Das Problem des Übergewichts ist riesig in Deutschland, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Und es wird überall nur schlimmer. Darüber sollte in der Öffentlichkeit viel mehr gesprochen werden“, sagt Dilek Özden. Hintergrund seien die langen Schulzeiten und der übermäßige Medienkonsum. Zudem seien die Schulen gefordert. „Das Sportangebot sollte sich stärker an den Bedürfnissen der Kids orientieren. Auch im Unterricht muss das Thema Ernährung ausgiebiger behandelt werden“, so der Coach.

Er wolle als leuchtendes Beispiel vorangehen und ausstrahlen: Mit dem passenden Willen könne man sein Gewicht auch wieder in den Griff bekommen. Doch damit das klappt, bräuchte es mehr Berater und Anlaufstellen für Übergewichtige – auch im Kreis Kleve. „Ich will mich dafür einsetzen, dass es in jeder Schule und in jedem Verein einen festen Ansprechpartner für Menschen gibt, die ein Problem mit ihrem Gewicht haben. In der Corona-Krise haben wir das auch geschafft: Überall gibt es nun Hygienebeauftragte. Und allen sollte klar sein, dass niemand sich schämen muss, wenn er einige Kilos zu viel auf die Waage bringt“, sagt Dilek Özden. Und auch seine persönliche Mission sei noch nicht abgeschlossen. Wenige Kilogramm wolle er noch verlieren. Dem Selbstbewusstsein dürfte es nicht schaden.