Als die große Hitze kam
   RP-Foto: Andreas Bretz
Am 25. Juli stiegen die Temperaturen in Düsseldorf auf nahezu 40 Grad. Am Rheinufer mit Rollerblades unterwegs sein – dazu brauchte man schon eine gute Kondition.
Was war los im Jahr 2019? Unser Autor Hans Onkelbach hat die wichtigsten Ereignisse zusammengefasst.
Von Hans Onkelbach

Ahnen Sie, was die Menschen 2019 am meisten aufgeregt hat – jedenfalls gemessen an den meisten Klicks bei RP-Online? Die Umweltspur? Irrtum! Der optisch ausbaufähige Stadtstrand? Auch nicht!  Ok – hier ist es: Bei einem Unfall am Seestern im August wollte eine Autofahrerin ihren Termin nicht verpassen – und rastete aus, weil sie warten sollte, als vor ihr ein Schwerverletzter behandelt wurde. Mehrere hunderttausend Menschen haben diese Meldung geklickt. Auf Platz zwei lag die Randale im Rheinbad, danach kam der verheerende Brand im Marienhospital. Und sonst? Was ist geblieben von 2019? Um es im Jargon unserer beliebten Sternvergabe zu formulieren:  Würde das Jahr fragen „Wie war ich?“, wäre die Antwort „Na ja – eher so im mittleren Feld: drei Sterne von fünf!“

            Januar

Der Start ist unspektakulär, was an sich eine gute Nachricht ist – friedlicher Übergang, heißt so was bei den Behörden. Wenig später jedoch wird der Frieden ein wenig gestört, denn die Düsseldorfer erfahren, was vermutlich alles teurer wird und schütteln den Kopf, weil es nun einen Koordinator für das Thema Gaslaternen gibt. Wir haben Sorgen! Ein neuer Begriff taucht im Januar auf, und keiner ahnt, wie tief er sich bald in den Sprachgebrauch eingraben wird: Die Umweltspur wird angekündigt. Fast schon rührend die Nachricht, Abfalltonnen mit Pfandringen auszustatten – für die Sammler von Flaschen. Für sie zählt jeder Cent. Das ist bei der Sanierung der Oper anders: Es geht um  sehr viele Euros. Die Summen, hoch zweistellige Millionenbeträge, sind längst jenseits jeder Vorstellungskraft, und keiner glaubt, dass es dabei bleibt. Köln lässt grüßen, und Hamburg auch. Eine kühne Idee taucht auf: Warum nicht im Hafen auf der Landzungen gegenüber des Landtages komplett neu bauen. Wie immer in der Stadt beginnt sofort ein Streit, neudeutsch: Shitstorm. Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Apropos Hafen – die boot wird 50, und schon seit Wochen kommen wunderbare Yachten über den Rhein an, um den Menschen Stoff für Träume zu geben.

            Februar

Träume in Weiß werden wahr, zumindest in den Außenbezirken. Die Kehrseite, sozusagen der Alptraum: Wie immer bringt jede Schneeflocke im Rheinland sofort ein Verkehrsproblem. Dabei macht es dann auch keinen Unterschied, ob das Auto Sprit verbrennt oder mit Strom rollt. Immerhin: E-Autos könnten künftig gratis parken, heißt es. Das Thema nimmt Fahrt auf. Noch nicht so wirklich real ist dagegen die Idee vom Stadtstrand unterhalb der Kniebrücke. Wie das wohl aussehen wird? Ein paar Monate später weiß man es und regt sich über die Container auf. Aufregung, Amüsement und Irritation beim Dschungel-Camp. Die bis dahin – vermutlich zurecht – unbekannte Evelyn Burdecki kriegt am Ende die Krone aus Grünzeug. Kesse Lippe und auch sonst sehr kommunikativ setzt sie sich durch. Dagegen ist die Diskussion um die Zukunft des Großmarktes eher dröge, und auch der Beschluss für den Bau einer Stadtbahn zum Flughafen ist noch zu vage, um großes Interesse zu erregen. Anders bei den Anliegern – ob diese Bahn im Bereich Danziger Straße eine Brücke bekommen wird, löst im Februar nachhaltigen Zoff aus. Breite Zustimmung findet dafür eine Ankündigung des Ordnungsamtes, Wildpinkler künftig stärker zur Kasse zu bitten – mit 70 Euro ist dabei, der es nicht zum nächsten WC schafft. Für viele neu ist das Kürzel ISD. Es steht für Internationale Schule Düsseldorf. Dort, so liest der staunende Düsseldorfer, sind über viele Jahre Millionen von der öffentlichen Hand gezahlt worden, obwohl die Schule schon tausende Euro pro Jahr an Gebühren kassiert und anerkanntermaßen eine beispiellose Ausstattung hat. Ist das rechtens? Die Frage wird sich hinziehen. Wie manche Ehe – die Zahl der Scheidungen ist rückläufig, verkündet das Amt für Statistik. Dass selbst Glanzzeiten irgendwann mal enden, sieht man beim Victorian: Der früher legendäre Tempel für Gourmets aus aller Welt schließt – sang- und klanglos. Ebenfalls neu für viele der Begriff „divers“. Gemeint ist das Geschlecht zwischen Mann und Frau. Soll es dafür eigene Toiletten geben? Ohne Frage erfreulich die Zahlen der Kripo: Noch nie war die Kriminalität in Düsseldorf so niedrig. Dennoch fühlen sich die Menschen unsicher. Schon beruhigend normal die Meldung, man fahnde jetzt nach Hunden ohne Steuermarke. Die Stadt braucht jeden Euro, z.B. für die Oper – siehe oben.

                           März

Nicht zum ersten Mal bedroht im März das Wetter den Rosenmontagszug. Absagen oder nicht? Das Risiko ist hoch, weiß das Carnevals Comitee (CC) – und kommt auf eine rheinisch-kluge Lösung: Statt morgens zieht man erst mittags los, als der Sturm durch ist. Alles gutgegangen. Das denken sicher auch die vielen Neubürger, denn sie haben die in Düsseldorf schwierige Suche nach bezahlbarem Wohnraum hinter sich. Um fast 30.000 Menschen ist die Stadt in den letzten fünf Jahren gewachsen, die Gesamtzahl liegt jetzt bei 642.000. Mehr denn je wird klar – immer mehr Menschen wollen kommen, brauchen Platz für Jobs und fürs Wohnen. Es wird neu gebaut und abgerissen. Dem fällt auch das Boui Boui in Bilk zum Opfer, was in der Ausgeh- und Konzertszene wie stets beim Verlust solch cooler Locations mächtig betrauert wird. Ebenfalls neu: Fridays for Future. Auch in Düsseldorf gehen junge Menschen fürs Klima auf die Straße. und die Rheinbahn, die womöglich künftig eine spritsparende Alternative für Autofahrer sein könnte, bekommt einen neuen Vorstand. Vor allem der Name der für die Finanzen zuständigen Chefin, Sylvia Lier, wird bald berühmt werden.  Leider gilt das auch für Stadtdechant Ulrich Hennes. Nicht nur die Katholiken schockt die Nachricht, er stehe unter Verdacht der „sexuellen Belästigung“. Was nun folgt, ist ein Lehrbeispiel, wie man nicht mit einem solchen Fall umgehen sollte. Er zieht sich übers gesamte Jahr.

                        April

Von ungeschicktem Umgang mit einem brisanten Thema sprechen bald auch viele, wenn es um die Umweltspur geht. Sie wird im April an der Merowingerstraße eingerichtet, und die Folgen sind anfangs wenig aufregend, was sicher auch an den Osterferien liegt. Aber schon jetzt wird bemängelt, dass man den gegängelten Pendlern keine Alternativen anbietet. Der Ton wird sich im Jahresverlauf noch deutlich verschärfen. Das gilt auch für den Streit um die ISD. Fassungslos hört  Düsseldorf, dass der Leiter der Schule ein Jahresgehalt von knapp einer halben Million und auch sonst einige Privilegien hatte. Warum er nun seinen Job aufgibt, wird nicht wirklich glaubhaft begründet. Böses Blut auch angesichts der nun klaren Optik des sogenannten Ingenhoven-Tals im Kö-Bogen II. Wie eine Ski-Rampe sehe das aus, sagt Star-Architekt Walter Brune – und entschuldigt sich später dafür. Zustimmung findet er dennoch. Nur noch Kopfschütteln löst die Nachricht aus, das Altstadtpflaster sei mal wieder defekt und müsse in Teilen ausgetauscht werden. Seit Jahren fällt das dort verlegte ungeeignete Steinzeug den Planern immer wie – nun ja: auf die Füße. Wirte markieren vor ihren Lokalen gefährliche Schadensstellen mit Stühlen oder Plakatständern.

                   Mai

Dass es Anfang Mai heißt, die Ermittlungen gegen Ex-Stadtdechant Ulrich Hennes seien eingestellt, macht viele fassungslos. Und nun, fragen sie sich – was wird jetzt aus dem Mann? Die Frage wird noch lange nicht wirklich beantwortet. Dagegen wird klarer, dass Fachkräftemangel etwas mit Wohnkosten zu tun hat. Geschäfte und Handwerker finden kaum Leute, nicht zuletzt, weil sich viele das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten können. Ob die Grünen darauf eine Antwort haben? Womöglich wird das von ihnen erwartet, denn bei der Europawahl werden sie erstmals stärkste Kraft in der Stadt und blicken voller Selbstvertrauen auf die Kommunalwahl im September 2020. Auf jeden Fall befürworten sie wohl zwei neue Brücken: eine in Höhe Messe nach Lörick/Meerbusch, die andere im Bereich Hamm. Beide Bauwerke würden nur Bahnen, Radfahrern und Fußgängern zur Verfügung stehen. Keine Entlastung für staugeplagte Autofahrer also. Es sei denn, sie steigen um. Apropos umsteigen: OB Thomas Geisel will eine Art Super-Chef für alle städtischen Töchtergesellschaften und hat auch einen Kandidaten aus der Wirtschaft auf dem Plan. Aber er findet keine Zustimmung, entnervt verzichtet der Manager.

                      Juni

An die Nerven geht auch die Frage, ob es in Düsseldorf einen Klimanotstand gibt – oder nicht. Die sogenannte Ampel aus SPD, Grünen und FDP ist Anfang Juni uneins. Was extremes Klima anrichten kann, hat man fünf Jahr zuvor, Pfingsten 2014, erlebt. Der Orkan Ela wütete über der Stadt, vernichtete tausende von Bäumen. Nun ist davon nichts mehr zu sehen. Aber das Klima beschäftigt die Menschen weiter: Sie erleben den Beginn einer erneuten Hitzewelle, die – das ahnt im Juni noch keiner – über viele Wochen bleiben wird. Und zum Thema Klima gehört auch die Idee, E-Scooter (Elektroroller) als Alternative zum Auto in die Stadt zu stellen. 200 werden geliefert, aber schnell ist klar: Sie sind tatsächlich eine Alternative, aber für Fußgänger, denen die Dinger mächtig Spaß machen. Bald ahnt man, dass es neuer Regeln bedarf, um die Flitzer nicht zur Gefahr werden zu lassen. Entsetzt hören die Menschen von einer Vergewaltigung im Hofgarten. Über Wochen wird verfolgt, wie die Polizei fahndet, schließlich Verdächtige festnehmen kann. Empört reagiert man auf Stellungnahmen, in denen man Frauenfeindlichkeit und Ignoranz sieht. Wohltuend harmlos dagegen eine Nachricht aus dem Gericht. Dort wurde Passagieren, deren Flug ausgefallen war, ein Anspruch auf ein Essen mit Schampus als Apertif zugebilligt – das sei üblich so, urteilten die Richter, der Schaumwein müsse von der Fluggesellschaft bezahlt werden. Die Nachricht lief – typisch Düsseldorf! – bundesweit: Gericht bestätigt Recht auf Champagner.

                              Juli

Eine völlig neue Problematik tut sich Anfang Juli auf. Im Rheinbad randalieren Dutzende Jugendliche, sollen – so heißt es – zeitweise die Kontrolle über die Becken übernommen haben. Die Polizei rückt an, klärt die Lage – aber es wird in den nächsten Wochen wiederholt zu solchen Vorfällen kommen. Die Reaktion darauf: zuerst hilflos. Wie auch bei den E-Scootern. Die zweirädrigen Flitzer sausen über Bürgersteige, werden irgendwo abgestellt, liegen herum wie Müll, landen im Stadtgraben oder in Grünanlagen. Regeln müssen her, das zeichnet sich mehr und mehr ab. Wie Werbung ein Produkt bekannt macht, erlebt die Füchschenbrauerei – mit einem ziemlich misslungenen Gag, wie einige meinen. Ein Plakat einer ziemlich frech gezeichneten Serie überschreite klar die Grenze zum Sexismus. Aber eins wurde erreicht: Über Wochen streitet man heftig über die Reklame für Füchschen-Alt.

                   August

Aber bald beherrscht eine andere Frage die Diskussionen: Wie sicher wird die Größte Kirmes am Rhein im August? Und soll es ein Feuerwerk geben? Vorsichtshalber werden an der Oberkasseler Brücke Betonklötze abgelegt, um Anschläge mit Lkw zu verhindern. Leider bekommen das einige Fahrer nicht mit, was zu interessanten Versuchen führt, 30-Tonner auf der Luegallee zu wenden. Viele Dutzend Autofahrer haben im Stau reichlich Zeit, sich das anzusehen. Und das Feuerwerk? Findet statt, wie immer. Inzwischen weiß man auch, wie berechtigt die Skepsis gegen die Container am Stadtstrand war. Hässlich, ist die einhellige Meinung.  Heiß ist es immer noch, und womöglich war die Hitze mitverantwortlich, dass eine Autofahrerin ausrastete, als sie am Seestern nach einem Unfall warten musste, bis die Rettungskräfte einen jungen Mann versorgt hatten. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Die Randale im Rheinbad übrigens auch. Eine Ausweispflicht soll nun Abhilfe schaffen. Mit dem Abebben der Hitzewelle gerät auch der Trouble im Bad in Vergessenheit. Das scheint auch Heinrich Heine passiert zu sein, dem berühmtesten Sohn der Stadt. Bei einer Umfrage unter Studenten an der Uni, die seinen Namen trägt, kann nur ein Bruchteil exakt sagen, wer er war, und noch weniger haben einen oder zwei Buchtitel oder Zitate in petto. Nun ja – Denk ich an Düsseldorf in der Nacht ... (oder so ähnlich). Aufreger dagegen eine weitere Umweltspur.  Der Widerstand wächst, zumal eine Baustelle auf der Fleher Brücke eh schon riesige Staus beim südlichen Zugang in die Stadt verursacht. Auch das Handwerk macht mobil und protestiert. Am Ende kündigt die Kammer die Zusammenarbeit mit der Stadt auf.