Das Jahr der Umweltspur
   rp-foto: Andreas Endermann
Ab Oktober gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema in der Stadt: Die Umweltspur erregt die Gemüter.
Von Hans Onkelbach

Der Oberbürgermeister geht erstmal auf Auslandsreise und stellt eine Frage, mit der sein Vor-Vorgänger im Amt im Jahr 2000 – damals in Sydney – für Wirbel sorgte: Warum nicht Olympia am Rhein?, fragt Geisel in Tokio. Und liefert die Antwort gleich mit – man werde sich dafür stark machen. Anvisiert sind die Spiele 2032.

         September

Immerhin gibt es im September keine sofortige Ablehnung, sondern freundliches Interesse. Daheim prägen ganz andere Nachrichten die Schlagzeilen: Im Marienhospital kommt es zu einem verheerenden Brand, ein Mensch stirbt. Und es gibt erheblichen Widerstand gegen die Idee, das neue Bad in ­Heerdt „the flow“ zu nennen. Geht’s noch?, fragen die Kritiker. Vielleicht sollte man sich mal in  der Nachbarschaft umschauen. In Willich gibt es ein Schwimmbad, das man schlicht „de Bütt“ („die Wanne“) genannt hat. Kommt gut an, versteht jeder (Rheinländer) und ist kein Anglizismus. Hürth bei Köln hat ebenfalls ein Bad dieses Namens. Ach ja – der Verkehr. Zur allgemeinen Diskussion passt, dass die Carsharing-Anbieter von wachsenden Zahlen berichten. Beim autofreien Sonntag Mitte des Monats, so argwöhnen Autofreunde, will das Rathaus testen lassen, wie es sich so anfühlt ohne rollendes Blech in der City. Sollte das die Absicht gewesen sein, ist der Eindruck eher dürftig. Nur wenige Straßen bleiben wirklich ohne Autos. Apropos Autos: Was alle schon immer ahnten, bewahrheitet sich – Düsseldorf ist die Stadt mit den meisten SUV, gemessen an der Zahl der Bewohner. Ein paar Altstadtgästen stieß das wohl sauer auf – und sie beschimpften eine Fahrerin eines solchen Wagens, als sie das Andreasquartier verließ. Große Aufregung – Hass gegen SUV-Fahrer? Eher nicht, zu viel Alt würde wohl den Kern treffen.

Solche Aktionen passen natürlich gar nicht zum Weltbild der Liberalen. Die sind in Düsseldorf immer stark gewesen, und nun sehen sie ihre Chance, da  sie eine prominente Spitzenfrau haben: Marie-Agnes Strack-Zimmermann, zuletzt in Berlin im Bundestag für die FDP, kündigt an, bei der Kommunalwahl für das Amt des OB kandidieren zu wollen. CDU und Grüne halten sich zurück, bei der SPD setzt man auf Thomas Geisel. Der wird von einer miesen Nachricht kalt erwischt: Mitarbeiter der Stadt kippen dicke Steine unter eine Zufahrtsrampe zur Kniebrücke – offenbar, um dort häufig campierende Obdachlose zu vergrämen. Das kommt bei den Menschen nicht gut an, so viel Kaltherzigkeit. Der OB muss beteuern, nichts davon gewusst zu haben.

           Oktober

Mit Ahnungslosigkeit haben sich 2006 schon mal Jury-Mitglieder des Heine-Preises blamiert, als sie ihn an Peter Handke verleihen wollten. Damals war seine Nähe zum serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic noch frisch in Erinnerung, und am Ende verzichtete er auf den Preis. Als im Oktober verkündet wird, dass er den Literatur-Nobelpreis erhält, kocht die Erinnerung an diese Blamage Düsseldorfs wieder hoch. Und auch die Umweltspur erregt mehr und mehr die Gemüter.

Mit Grauen wartet man auf das Ende der Herbstferien und den verkehrsreichsten Monat, den November. Allen ist klar – das wird grausam. Sie sollen recht behalten. Dass Düsseldorf die Bürger nicht wirklich vom Nutzen der blauen Tonne (für Papier) überzeugen kann, geht dabei fast unter. Reine Schadenfreude dagegen, als in Kö-Nähe ein komplett golden lackiertes Auto stillgelegt wird: Gefährliche Reflektionen seien nicht auszuschließen, sagt die Polizei. Jetzt ist auch der Zeitpunkt für einen neuen Rheinbahn-Skandal: Sylvia Lier, im Vorstand für die Finanzen zuständig, hat das mit dem Geld nicht so richtig verstanden, scheint es. Ihr Umgang beim Bestellen von Dienstwagen ist grenzwertig, und dass sie ihren eigenen dem Ehemann für ausführliche Nutzung überlässt, stößt auf blankes Unverständnis. Ihr Vertrag regelt das nicht eindeutig, aber wenige Wochen später muss sie dennoch ihren Posten räumen.

              November

Fortuna-Fans haben derweil ganz andere Sorgen: Beim Spiel des Vereins gegen den 1. FC Köln ist Spannung pur angesagt. Düsseldorf gewinnt das Derby 2:0 - das erste Mal seit 1999!  Die Begeisterung kennt keine Grenzen, natürlich nur in Düsseldorf. Ärger gibt es in der Stadt genug. Beispielsweise über eine neue Großbaustelle, an die man sich gewöhnen muss: Kurz hinter dem Seestern wird eine neue Anschlussstelle für die B7/A52 gebaut, und umgehend stehen die Autos täglich bis zurück zur Theodor-Heuss-Brücke. Die ist zwar einiges gewohnt, aber zum Jahresende wird klar, dass die vielen schweren Lkw die Substanz nachhaltig angegriffen haben. Ab sofort ist sie für Lkw über 30 Tonnen gesperrt – die A1-Brücke bei Leverkusen lässt grüßen.

Nur Ärger mit dem Verkehr: Genervte Autofahrer bringen im November eine Petition gegen die Umweltspur auf den Weg, die Kö-Anlieger machen mobil und die Grünen gehen vorsichtig auf Distanz. Aber mit knapper Mehrheit (eine Stimme) beschließt der Rat, die Umweltspuren nicht abzuschaffen. Dass die blaue Tonne nun Pflicht ist, kommt draußen kaum an, aber empört sind die Menschen, als sie hören, dass gottlose Diebe den Schatz in St. Lambertus geplündert haben.

              Dezember

Sollte die CDU auf Hildegard Müller als OB-Kandidatin gehofft haben (und viele in der Union haben das gewiss getan!), werden sie im Dezember enttäuscht. Die frühere enge Mitarbeiterin von Angela Merkel wird Chefin des Deutschen Verbandes der Automobilindustrie, und ist damit weiter weg vom Düsseldorfer Rathaus denn je. Offenbar wird den Verantwortlichen im Rathaus klar, wie wichtig das Thema Verkehr künftig sein wird, daher sucht man nun einen Verkehrsdezernenten. Der / die wird viel Arbeit haben, und viel Scherben kitten müssen – nicht nur Handwerkskammer, sondern auch die IHK kritisiert die Verkehrspolitik der Stadt ungewohnt heftig.