Vino virtuell
privat
Prinzessin Victoria und Prinz Felix zu Salm-Salm im Fasskeller des Weinguts.
Ein Trend geht um in Corona-Deutschland: Winzer, die vor großem Publikum ihre Weinproben mit Verkostung daheim auf Youtube veranstalten. Ein Erfahrungsbericht von Lothar Schröder.
Von Lothar Schröder

Na ja, diese Weinprobe beginnt mit einem echten Anfängerfehler. Und der geht so, dass gleich der erste Tropfen mundet (was noch nicht schlimm ist) und man sich frohgemut noch einmal nachschenkt – was man wirklich nicht machen sollte. Weil es spätestens nach dem fünften oder sechsten Durchgang zu Konditionsproblemen kommen könnte. Doch dazu später.

Jetzt also erst einmal der Weißburgunder, der mehr als ordentlich ist. Und den Winzer Prinz Felix zu Salm-Salm charmant zu präsentieren weiß. Vor der Kamera. Und wir? Sitzen daheim am Küchentisch, auf dem die sechs Flaschen zur Nassverkostung (was für ein hässlicher Fachbegriff!) stehen, sechs Gläser, ein bisschen Brot. Wir hatten uns frühzeitig angemeldet, die Weinkiste war pünktlich eingetroffen, ebenso ein Zugangscode für den Youtube-Kanal. Und jetzt sitzen wir mit etwa 170 anderen Weinfreunden aus ganz Deutschland vor dem I-Pad, hören dem Prinzen ganz genau zu, wagen es natürlich nicht, vorzugreifen – und chatten nebenbei. Auch das gehört zum Angebot des Weinguts: Während der Verkostung kann man Kommentare abgeben, Grüße schicken, Fragen stellen.

Und jetzt kommt Prinzessin Victoria zu Salm-Salm ins Spiel, die nach jedem Wein ein großes Weinfass auf Rollen ins Bild schiebt, und dem Prinzen quasi als Anwältin der Pichler vor den Bildschirmen ein paar Fragen stellt. Ziemlich einfache, wie: Was ist eine Großlage? Oder: Wie lange hält eine geöffnete Flasche? Und: Was heißt eigentlich zu „Salm-Salm“? Da muss Prinz Felix bloß aufs Wappen zeigen mit den zwei gekreuzten Lachsen.

Corona-Not macht erfinderisch. Auch wenn man das älteste deutsche Weingut in Familienbesitz führt. Seit 800 Jahren bauen die Prinzen zu Salm-Salm auf 18 Hektar in Rheinhessen und an der Nahe ihren Wein an – das meiste ist Riesling. Und jetzt gehörten sie zu den ersten, die aus dem Gebot der Stunde – Social Distancing – eine Tugend machten: „Stay home and drink wine“.

Virtuelle Weinproben sind inzwischen der Renner. Das Deutsche Weininstitut (DWI) führt auf seiner Homepage eine ellenlange Liste auf mit deutschen Weingütern, die Proben im Netz anbieten. Beim Institut ist man überzeugt, dass heimische Verkostungen mit live-geschalteten Video-Anleitungen Corona überstehen werden. Ein absoluter Trend sei das in kurzer Zeit geworden, sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher. Nachdem die Lieferungen an die Gastronomie derzeit ausfallen, und die weinlustigen Deutschen schon im vergangenen Jahr ein klein wenig gemäßigter pichelten – der Pro-Kopf sank hierzulande um 0,4 Liter und lag zuletzt bei 20,1 Liter – tun sich jetzt neue, vielversprechende Verkaufskanäle auf.

Längst gibt es Themenabende, zu Süßweinen, Spätlesen, Rotweinen ... apropos: Wir sind jetzt beim Merlot von 2016 angelangt, nach dem Grünschiefer Riesling und dem Riesling vom Roten Schiefer (2018) eine weitere Erbauung. Die Chats werden munterer, die Fragen spezieller (was ist eine Spontangärung) und sozialer: Braucht ihr noch Helfer? Erst mal nicht, sagt der Prinz. Ist ja noch keine Lese. Und wenn es soweit ist, kommen hierzulande verstärkt Vollernter zum Einsatz, also Erntemaschinen.

Sorgen bereitet eher die Trockenheit. Zwar ist Wein ein mediterranes Gewächs und kann locker bis zu zehn Meter tief wurzeln; aber er ist eben auch kein Kaktus. Zunehmende Wärme ist gut für den Rot- undnicht ganz so gut für den Weißwein. Der Alkoholgehalt wird zum Problem. Rieslinge mit zwöff oder gar 13 Prozent Alkohol sind darum längst keine Ausnahmen mehr. Ein weiteres Problem der Wärme gerade jetzt sind die frühen Austriebe. Sollte jetzt noch ein Spätfrost kommen, wird es erhebliche Einbußen bei den Erträgen geben.

Der Binger Scharlachberg steht nun auf dem Tisch. Dort stand er zwar schon den ganzen Abend, jetzt aber ist er in die erste Reihe gerückt – eine der berühmtesten Riesling-Lagen Deutschlands. Brot ist keins mehr da, es muss also ohne Neutralisierung gehen. Und gegen Ende einer Weinprobe ist das en Kinderspiel.

Weinproben sind im Grunde wie Butterfahrten. Nur ohne lebensgefährliche Heizdecken, dafür mit lebensbereicherndem Wein. Auch einen Verkäufer gibt es vordergründig nicht. Ein guter Winzer ist eine Art Missionar. Vertrauen ist die halbe Miete.

Das wird auch bei den Chats deutlich. Schon am Anfang wechselten viele in einen vertrauten Ton. Auch schienen sich einige von früheren Proben schon kennen- und schätzengelernt zu haben. Auf der Zielgeraden wird es dann immer lockerer. Was bei Weinproben früher beschwingte und etwas zu laute Reden waren, sind jetzt schnelle Chats. Der Auftritt der beiden Adligen bleibt nicht unkommentiert. Zunächst findet manche Teilnehmerin Gefallen am Prinzen, anschließend lassen sich andere für Prinzessin Victoria begeistern. Dieses Themenfeld beenden die Besonnenen unter uns mit dem freudlosen Hinweis, dass die beiden vergeben seien – und zwar aneinander.

Manchmal geraten Weinbroben zu bunten Abenden. Sehr klar in seiner Aussage dieser Chat-Beitrag: „Dortmund ist voll.“ Mitfühlend eine Antwort: „Lemförde gleich auch.“ Einsam jedenfalls hat man sich nicht gefühlt. Unterhaltsam war’s. Auch informativ. Und alles ohne großen Aufwand. Die Zahl der Anmeldungen zu den nächsten Weinproben ist auf über 200 gestiegen. Auch Weinhändler sind darunter. Das Beispiel der Prinzen zu Salm-Salm macht Schule – in Corona-Zeiten und vermutlich darüber hinaus. Der Kommentar einer Teilnehmerin: „Der beste Quarantäne-Abend ever.“

INFO
Überblick im Internet

Die Anbieter Auf der Internetseite des Deutschen Weininstituts finden sich – nach Regionen geordnet – zahlreiche Winzer mit Kontaktdaten, die inzwischen sogenannte virtuelle Weinproben anbieten. Zu finden unter: www.deutscheweine.de

Weingut Prinz Salm Alle Informationen über Anmeldungen des beschriebenen Weinguts unter: www.prinzsalm.de
Die nächsten Live-Weinproben dort sind:
1. Mai, 20.30 Uhr: Neuheiten
8. Mai, 20.30 Uhr: Premiere Lagenweine
15. Mai, 20.30 Uhr: vom roten Schiefer only