Interview Wilhelm Schmid
„Sinn ist viel wichtiger als Glück“
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Lebenssinn durch Fürsorge: Anne-Katrin Lampe besuchte ihre Mutter Bärbel Prütz (80) auch während der Corona-Krise im Seniorenhaus.    
Füreinander da zu sein, gibt dem Leben Sinn. Für viele sei das eine positive Lehre aus der Corona-Krise, glaubt der Philosoph.
Von Dorothee Krings

DÜSSELDORF | Wilhelm Schmid hat sich in vielen Büchern mit der Kunst erfüllter Lebensführung beschäftigt. Im Zentrum stehen Begriffe wie Glück, Gelassenheit und Freundschaft mit sich selbst. Mit Blick auf Corona mahnt er, Experten ernst zu nehmen. Das gelte auch für eine andere Bedrohung: den Klimawandel.

Wie findet man Glück im Leben, wenn die Pandemie Nähe verbietet, wenn in den USA der Rassismus offen zu Tage tritt, wenn es seit Wochen nicht genug regnet – wenn sich also vieles in der Welt so negativ entwickelt?

SCHMID | Es geht im Leben nicht darum, ständig glücklich zu sein. Glück ist zwischendurch ganz nett und hilft über Tiefs hinweg. Aber wir dürfen auch mal unglücklich sein, wenn wir etwa von einer Pandemie heimgesucht werden oder zusehen müssen, wie einer der großen Staaten in dieser Welt sich selbst zugrunde richtet.

Wenn Glück nicht das Ziel des Lebens ist. Was ist es dann?

SCHMID | Sinn ist viel wichtiger als Glück. Auch das hat uns die Pandemie vor Augen geführt. Denn die Leute haben zuallererst gefragt: Was ist mit meinen Freunden? Wer steht mir jetzt bei? Wem kann ich beistehen? Uns kamen die elementaren Beziehungen sofort in den Blick. Sie geben unserem Leben Sinn. Und dieser Sinn besteht eben auch, wenn man sich unglücklich fühlt. Sinn erträgt auch, wenn das Leben aktuell keinen Spaß macht.

Die Pandemie hat anfangs viel Gutes in Menschen hervor gekehrt. Solidarität zum Beispiel. Wieso hält so ein Zustand nie an?

SCHMID | Weil wir nicht im Paradies leben. In der realen Welt gibt es unterschiedliche Meinungen und fantastische Vorstellungen. Ich finde es großartig, wie sich gerade zeigt, was Menschen sich alles vorstellen können. Das ist ein Beweis für die Macht der menschlichen Fantasie. Ihr haben wir auch großartige Dinge zu verdanken wie die Erfindung des Flugzeugs.

Viele dieser fantastischen Ideen zielen aber darauf, andere zu Sündenböcken zu erklären. Ganz harmlos sind sie nicht.

SCHMID | Das ist das normale Verhalten von Menschen. Die Pandemie verändert das Wesen des Menschen ja nicht, auch wenn das ein paar Wochen so scheinen mochte. Nach solchen Einschnitten sortiert sich das Leben wieder – in aller Regel wie zuvor.

Die Pandemie zwingt zu Einschränkung und Rücksichtnahme. Warum fällt das vielen Menschen so schwer?

SCHMID | Bei Corona fällt das so schwer, weil dieses Virus die Eigenart hat, sich im Mundraum eines Menschen anzusammeln, ohne dass er es merkt, und sich auf andere zu übertragen, ohne dass sie geküsst oder umarmt werden. Die Übertragung erscheint also so abstrakt, dass es vielen nicht vermittelbar ist. Dafür habe ich Verständnis. Dabei ist es eigentlich einfach, durch die Krise zu kommen. Man muss nur das Einatmen fremder Aerosole vermeiden mit welchen Mitteln auch immer.

Warum ist dann ein Teil der Bevölkerung so unwillig, das weiter mitzumachen?

SCHMID | Weil ein Teil der Bevölkerung glaubt, dass wir ein Problem mit unserer Regierung haben. Diesen Leuten ist nicht zu vermitteln, dass wir ein Problem mit einem Virus haben. Und dass eine Regierung darauf antworten muss. Das ist ihr Job und in Deutschland hat sie ihn ziemlich gut gemacht. Wer das nicht glaubt, möge sich bei Freunden in anderen Ländern erkundigen.

In Ihrem Buch „Selbstfreundschaft“ führen Sie aus, dass ein geglücktes Leben davon abhängt, vom Ich zum Wir zu finden. Kann das auch einer ganzen Gesellschaft gelingen – vielleicht auch unter dem Eindruck der Pandemie?

SCHMID | Ja, wir können einen Impuls aus der Pandemie aufnehmen, nämlich das gute Gefühl, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wie eine Ellbogengesellschaft aussah, die aber in der Lage ist, wenn es hart auf hart kommt, doch zusammenzustehen. Das verliert sich, wenn die Herausforderung abnimmt. Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen: Im Ernstfall können wir ein Wir sein und nicht nur Ichs. Dieses Wir-Gefühl muss auch nicht permanent so stark bleiben wie zu Beginn der Pandemie, aber im Fall der Fälle ist es in unserer Gesellschaft eine verlässliche Rückfallposition.

Ein anderer Ernstfall läuft gerade ab, aber wir freuen uns am schönen Wetter. Die Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich unser Alltag ist. Lehrt das auch etwas für den Klimawandel?

SCHMID | Ich hoffe, dass Corona unsere Sensibilität für die Verletzlichkeit des gesamten Planeten gesteigert hat. Wie die Pandemie betrifft auch der Klimawandel jeden einzelnen Menschen auf der ganzen Welt. Hätten wir bei Corona den Experten zugehört, hätten wir wissen können, dass eine Pandemie droht. Auch ich habe ihre Warnungen abgetan. Beim Klimawandel sollte uns dieser Fehler nicht noch einmal unterlaufen, denn die Indizien sind schon jetzt konkret. Es muss in diesem Jahrzehnt etwas Entscheidendes geschehen, wir müssen den CO2-Ausstoß auf Null bringen, auch gegen die Interessen von Unternehmen wie RWE. Seit den 1990er Jahren gibt es Prognosen zum Klimawandel – bis heute sind sie alle eingetreten. Wir müssen auf die Klimakrise reagieren! Jetzt, nicht erst 2038! Und wir können es, wir haben alle technischen Mittel in der Hand.

Dorothee Krings führte das Interview.

Info
Schmid schreibt Bücher über Lebenskunst

Leben Wilhelm Schmid, 1953 geboren, wuchs als Sohn eines Landwirts in Bayerisch-Schwaben auf. Er studierte in Berlin, Paris und Tübingen Philosophie und Geschichte und promovierte über Michel Foucault. 2004 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Erfurt ernannt, wo er neben anderen Hochschulen bis zur Altersgrenze unterrichtete.

Bücher Seine zahlreichen Bücher kreisen um das Thema der Lebenskunst. So hat er sich mit Glück und Unglücklichsein beschäftigt, mit der Kunst der Balance, mit dem Schenken und Beschenktwerden, dem Ende von Partnerschaften und der Selbstfreundschaft. Schmid ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder. Er lebt in Berlin.