Aufbruch tut not
Von Benjamin Lassiwe

In der Corona-Krise waren die Kirchen plötzlich nachgefragt. Die Online-Gottesdienste boomten, und viele Gemeinden überboten sich gegenseitig in der Frage, wie man in dieser besonderen Situation die eigene Mitgliedschaft erreichen konnte. „Endlich!“ möchte man da laut rufen. „Endlich“ läuft es einmal nicht so wie gewohnt. „Endlich“ waren die Kirchen einmal gezwungen, gewohnte Pfade zu verlassen – und sich darüber Gedanken zu machen, wie und ob sie ihre Mitglieder eigentlich erreichen.

Die am Freitag vorgestellten Mitgliederstatistiken der beiden großen Kirchen zeigen eindrücklich, wie nötig dieser Aufbruch ist. Und das heißt jetzt bitte um Gottes Willen nicht, dass auch in der Kirche alles „digital“ werden soll. Zur Kirche gehört Gemeinschaft, auch außerhalb des Internets, das haben gerade die Corona-Wochen eindrücklich gezeigt. Und ein Gottesdienst ist auch gerade deswegen eine Auszeit vom Alltag, weil man dabei mit Menschen aus Fleisch und Blut in der besonderen Atmosphäre einer Kirche sitzt und ausnahmsweise nicht auf einen Bildschirm starrt.

Aber die Kreativität und den in der Corona-Krise gezeigten Mut zur Veränderung – den brauchen die Kirchen jetzt. Und zwar im Digitalen ebenso wie im Offline-Alltag. Schließlich hatte noch im vergangenen Jahr der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen darauf hingewiesen, dass die Kirchen zwar gegen sterbende Mitglieder nichts machen können. Gegen steigende Austrittszahlen und zurückgehende Taufzahlen allerdings schon. Wozu es am Ende zwei Dinge braucht: eine neue Glaubwürdigkeit angesichts der diversen Skandale der letzten Jahre. Vor allem aber auch den Willen, Dinge grundlegend neu anzugehen. Und da kann es am Ende überhaupt nicht schaden, von den Erfahrungen aus der Krisenzeit zu lernen.

Bericht Mehr als eine halbe Million . . ., Politik