Gebrochener Held
Getty Images
Foto: Christopher Polk/Getty Images
Der Rapper und Produzent Kanye West war mal ein Genie. Nun ist er nur noch ein bemitleidenswerter Twitter-Biathlet. Ein Abgesang.
Von Philipp Holstein

NEW YORK |Mit dem Guten beginnen, unbedingt und trotzdem, denn nur so wird die Fallhöhe deutlich.

Also: Kanye West war mal ein Genie. Er öffnete den HipHop, er brachte die Melodie in das Genre, er mischte Beats und Reime aus der Black Music mit Tempi und Sounds aus Europa. Er vermählte HipHop und Pop, Rap mit Gesang. Er fand Samples, die wie fliegende Teppiche funktionierten, auf denen man durch den Tag diffundierte. Er veredelte seine Stücke mit Kompositionsfetzen von Steely Dan, King Crimson und Can. Man muss nur mal „Dark Places“ hören, das erste Stück seines Meisterwerks „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ aus dem Jahr 2010. Da spricht die Rapperin Nicki Minaj einen Text von Roald Dahl. Es ist eine lyrische Abwandlung der „Cinderella“-Geschichte. Fortgetragen wird die Stimme schließlich von einem Snippet aus dem himmelstürmenden Song „In High Places“ von Mike Oldfield, das Kanye West an einer Wand aus Bass zerschellen lässt, bevor er selbst zu rappen beginnt: „I‘m just a Chi-town nigga with a Nas flow.“

Von diesen Heldentaten zu erzählen, schmerzt ein bisschen, denn Kanye West ist heute kein Gigant mehr, eher ein armer Ritter. Kein Musik-Held, sondern ein Twitter-Sportler. Jedenfalls verhält sich der 43-Jährige beim Kurznachrichtendienst nach Art der Biathleten: schießen und wegrennen. Er unterstellt seiner Frau, der Reality-TV-Berühmtheit Kim Kardashian, ihn betrogen zu haben. Dann löscht er den Text. Er kündigt an, für die US-Präsidentenwahl im November zu kandidieren. Und fragt seine 31 Millionen Follower bald danach, ob er nicht doch lieber erst 2024 antreten solle. Dann twittert er, er werde sich nur noch auf die Musik konzentrieren. Am vergangenen Mittwoch kündigte er an, am Freitag erscheine seine neue Platte. Sie kam nicht. Überhaupt kommt nichts mehr von ihm, das einen so beeindrucken würde wie damals, als er das Neue in den Pop gebracht hat.

Er war ja immer schon ein Großmaul und Angeber. Aber er setzte dann auch Werke in die Welt, bei denen man sagte: Die dicke Hose steht ihm. Er begann einst, indem er Beats an Jay-Z verkaufte, 90.000 Dollar pro Lieferung. Er entwarf die „Yeezy“-Sneaker für Adidas und wurde zum Milliardär. Und er wollte nicht in den engen Grenzen der Ghetto-Erzählungen des Gangsta-Rap ausharren. Er mochte den Typus des Kriminellen mit Schusswunde nicht. Also trat er in College-Uniform auf und erzählte von seinen Selbstzweifeln, von Rassismus und den Verheerungen des Kapitalismus. Das Album „808s & Heartbreak“ von 2008 ist ein Epitaph für seine im Jahr zuvor verstorbene Mutter. Das brachiale „Yeezus“ von 2013 überträgt das Prinzip des Industrial Rock auf den Rap. Das größenwahnsinnige Unternehmen „The Life Of Pablo“ kam drei Jahre danach: Es war der Versuch, den „Ulysses“ des HipHop zu produzieren. Wobei es da schon begann, knifflig zu werden. West tüftelte an der Platte nämlich noch herum, als sie längst veröffentlicht war. Er änderte Verse, ließ Gäste nachträglich auftreten, lieferte ein Outro nach.

Parallel dazu leistete er sich Fehltritte wie jenen, als er Taylor Swift 2009 bei den MTV Video Awards bei ihrer Preisrede störte, weil er meinte, Beyoncé hätte die Auszeichnung an ihrer statt verdient. Barack Obama ließ sich danach zu dem Ausspruch verleiten, West sei ein Idiot. Man sah darüber hinweg, weil die Musik so toll war. Als die schlechter wurde, traf er Donald Trump zum Gedankenaustausch, bezeichnete ihn als seinen Bruder. Er trug dessen Kappe mit der Aufschrift „Make America Great Again“ und sagte, er fühle sich damit als Superheld. Er behauptete, die Sklaverei sei eine freie Entscheidung der Sklaven gewesen.

Und er kündigte immer wieder große Taten an: 52 Alben in 52 Wochen. Die dann (natürlich) nicht erschienen. Auf seinem rund anderthalb Jahre nach der ersten Ankündigung veröffentlichten Album „Ye“ machte er seine psychische Erkrankung öffentlich: „I hate being bipolar, it’s awesome“ stand darauf. Danach entdeckte er Gott, beschloss fortan, die Sünde abzuschaffen und brachte das Gospelalbum „Jesus Is King“ heraus. Man fühlte sich nach dem Hören jedoch eher erleichtert als erleuchtet. Eines seiner Wahlkampfthemen ist Abtreibung. Bei einem Wahlkampfauftritt in South Carolina gestand er jüngst, seine Eltern hätten ihn zunächst abtreiben wollen, auch seine Frau und er hätten überlegt, das erste Kind abzutreiben, dann brach er in Tränen aus. Seine Chancen auf einen Sieg werden auf zwei Prozent beziffert. Die würden am Ende möglicherweise Joe Biden fehlen. Wenn er denn überhaupt antritt: West hat in vielen Staaten die Anmeldefrist zur Wahl versäumt.

Es ist nicht schlimm, dass auf seinen letzten Platten höchstens jeweils ein Stück war, das eine Ahnung vom früheren Genie vermittelte. Aber es ist schlimm, einem Helden beim Fallen zuzusehen. Er macht ja alles öffentlich. Twittern und löschen, wobei Löschen bei so vielen Abonnenten nicht viel Wirkung hat. Kim Kardashian fühlte sich vergangene Woche zu einer Stellungnahme für ihre 181 Millionen Instagram-Abonnenten genötigt: Kanye sei ein brillianter und schwieriger Mensch, schrieb sie. Er sei krank, und wer einen Verwandten mit einer psychischen Erkrankung habe, wisse, wie schwierig das sei.

Es gibt das bisweilen: dass man Herzenskünstlern nicht mehr folgen mag. Morrissey ist so ein Beispiel, der frühere Sänger der Band The Smiths, der immer wieder mit Sprüchen provoziert, die von rechtsideologischem Gedankengut zu künden scheinen. Man kann diese Leute verteidigen, indem man sagt, man habe sie schließlich früher schon verehrt, weil sie streng individualistisch agierten und sie gerade deshalb sie selbst waren. Man kann sagen, die Bewertung von Kunst sei heute weniger von ästhetischen Maßstäben geleitet, viel stärker hingegen von moralischen, weswegen sich nicht der Künstler verändert habe, sondern die Welt. Man kann sagen, dass solche Leute nun mal clevere Narzissten sind und man Künstler nicht festlegen darf, auch nicht politisch. Könnte man so sehen. Aber Logik hilft nicht, wenn da nicht mal mehr ein Werk ist, das noch zu faszinieren vermag. Bloß noch Wehmut.

Man wünscht sich jedenfalls, dass die Familie keine Statements mehr postet, sondern einfach zu ihm auf seine Ranch nach Wyoming reist und ihn so fest und lange drückt, dass ihm das Handy runterfällt. Ein bisschen Love täte ihm sicher gut. Es dürfte dann ruhig noch ein Jahr dauern, bis das nächste Album kommt.

Auf das Comeback würde man sich sehr freuen.

Info
Die Meisterwerke von Kanye West

Aktuell Die letzte Veröffentlichung von Kanye West war im Juni der Song „Wash Us In The Blood“.

Klassiker Seine drei besten Alben sind „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, „808s & Heartbreak“ und „Yeezus“.