Serie Stadtteil-Führungen
Geschichten von der Straße
Fotos (4): Dominik Schneider
André Kurkowiak und Mirjam Bensch gehören zu den Führern von FiftyFifty. Beide haben für mehrere Jahre auf der Straße gelebt.   
Bei der Führung Straßenleben zeigen ehemalige Obdachlose, wie es ist, ohne Wohnsitz in Düsseldorf leben zu müssen.
Von Dominik Schneider

DÜSSELDORF |Mintropplatz, Stresemannplatz, Bendemannstraße: Das sind die Adressen, die André Kurkowiak und Mirjam Bensch bei ihrer Stadtführung ablaufen – Orte, an denen viele Obdachlose anzutreffen sind. Die Stadtführer haben selbst auf der Straße gelebt, teilweise getrunken oder Drogen genommen. Nun zeigen sie anderen Menschen das Leben der Obdachlosen in der Landeshauptstadt.

„Die einzige Wohnungsbesichtigung, bei der das Dach fehlt“: Mit diesem Slogan bewirbt die Obdachlosenhilfe Fiftyfifty ihre Führung Straßenleben. Oft finden die Rundgänge für geschlossene Gruppen statt, beispielsweise für Polizeianwärter, Bundesfreiwilligendienstler, aber auch schon für die Fußballer der Fortuna oder die Musiker der Toten Hosen. Es gibt auch offene Führungen, die in der Regel zweimal im Monat stattfinden. Wegen Corona wurde die Teilnehmerzahl jedoch reduziert, so dass nun bis November alle Termine ausgebucht sind. Die Teilnahme kostet 9 Euro und führt zu Zentren des obdachlosen Lebens in Düsseldorf.

Das Straßenmagazin hat in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Zakk zehn ehemalige Wohnungslose engagiert, die bereit sind, Interessierten vom Leben auf der Straße zu erzählen. „Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen, die bereit sind, so offen von sich, ihrem Schicksal und den Umständen ihres Lebens zu erzählen“, sagt Fiftyfifty-Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer, der das Projekt betreut. Alle Stadtführer sind oder waren Verkäufer des Straßenmagazins und stehen seit längerer Zeit in Kontakt mit der Organisation. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, auch nicht, wenn es um ihre persönliche Geschichte geht.

„Ich war viele Jahre heroinabhängig, inzwischen bin ich im Methadonprogramm, mein Dealer trägt jetzt quasi einen weißen Kittel“, sagt André Kurkowiak. Begleitet von seinem Mischlingsrüden Duke, führt er die Menschen an die Orte, an denen Wohnungslose in Düsseldorf – offen oder verdeckt – leben. Wo er selbst früher seinen Stoff konsumiert hat.

Er erzählt von schlimmen Erlebnissen, von Fäkalien an den Wänden eines Männerwohnheims, er berichtet vom Alltag eines Verkäufers des Straßenmagazins. Und er erzählt, wie er seinen Hund bekommen hat – eine Schwarzfahrt mit der Straßenbahn nach Ratingen spielt dabei eine Rolle.

Lobende Worte findet er für das Fiftyfifty-Projekt Housing First, das ihm endlich ein Dach über dem Kopf beschert hat. Diese Initiative verfolgt den Ansatz, dass die Wiedereingliederung eines Härtefalls, beispielsweise eines langjährigen Drogenkonsumenten, mit der Unterbringung in eine eigene Wohnung beginnen muss. Dadurch soll es leichter fallen, einen geregelten Tagesablauf zu erreichen, aber auch, sich für einen Beruf zu bewerben. Dafür hat Fiftyfifty eigene Wohnungen gekauft. „Mein Arbeitgeber ist quasi auch mein Vermieter, das ist toll“, sagt Kurkowiak. Für ihn sind der Verkauf des Straßenmagazins und die Arbeit als Stadtführer Gelegenheiten, sein Leben zu strukturieren. „Außerdem macht mir der Umgang mit den Menschen Spaß, ich rede gern, das sind gute Voraussetzungen, um die Geschichten von der Straße zu erzählen.“

Es sind die Anekdoten – die herzerwärmenden und die abstoßenden –, die die Führung Straßenleben prägen. Zu sehen gibt es wenig Erbauliches. Die Teilnehmer laufen die Hotspots der Trinker- und Junkieszenen ab; laut Kurkowiak sind beide übrigens recht streng voneinander getrennt. Auf ihrem Weg nehmen die Stadtführer stets Rücksicht auf die dort lagernden Personen: Sitzt am Mintropplatz gerade eine Gruppe, dann geht die Führung eine Straße weiter, bevor Kurkowiak und Bensch stehen bleiben und erzählen, was sie selbst dort erlebt haben. „Ich würde ja auch nicht wollen, dass man mich anstarrt wie ein Tier im Zoo“, sagt André Kurkowiak zur Erklärung. Die Routen suchen sich die ehemals obdachlosen Führer selbst aus, zeigen also die Plätze, die ihnen am meisten bedeuten.

Für Mirjam Bensch sind es nicht nur die Treffpunkte, die das Leben auf der Straße prägen, es sind auch die Angsträume. Die Unterführung Ellerstraße zum Beispiel. Und auch die Orte, von denen das Ordnungsamt die Obdachlosen regelmäßig vertreibe. „Man lernt, mit Anfeindungen von allen Seiten umzugehen. Nicht nur von Behörden und Passanten, sondern auch von anderen Obdachlosen, gerade als Frau.“ Lange hat Mirjam Bensch in einem Zelt am Rhein gewohnt, bei Hochwasser musste sie sich eine neue Bleibe suchen, kam mit anderen Menschen von der Straße in Konflikt. „Waren Sie schonmal in Gefahr? Mussten Sie sich wehren?“, fragt eine der Teilnehmerinnen. „Na klar, oft“, sagt Mirjam Bensch fast beiläufig. „Zum Glück kann ich auf mich aufpassen.“

Der Rundgang mit Bensch, Kurkowiak, Hund Duke und ihren Kollegen wirkt so intensiv, weil er authentisch ist. Die Stadtführer haben Zigaretten im Mund, zeigen, wo es am Kiosk das billigste Bier gibt. Sie kennen die Obdachlosen, grüßen, unterhalten sich kurz, während die Teilnehmer warten. Sie schrecken nicht vor klaren Worten zurück, wenn es um die Obdachlosenarbeit von Stadt und anderen Trägern geht – weder im Guten noch im Schlechten. Kein Vertreter der Ordnungsbehörden, der in seinem Beruf mit Wohnungslosen zu tun hat, nicht einmal ein Sozialarbeiter könnte berichten, was die beiden ehemaligen Obdachlosen erzählen. Und man merkt ihnen an, dass sie noch viel mehr erlebt haben, als sie preisgeben.

Info
Eine Führung durch die Welt der Obdachlosen

Termine Wegen der beschränkten Teilnehmerzahl sind bis einschließlich Oktober alle Tickets ausverkauft.

Informationen Termine, Kontakt und die Möglichkeit für geschlossene Gruppen unter www.strassenleben.org