Rheinbahn muss Taktverdichtung stoppen
RP-Foto: Andreas Bretz
Rheinbahn-Vorstandschef Klaus Klar vor einem der neuen Züge, die vorerst nicht zugelassen werden.   
Die neuen Bahnen haben technische Mängel und dürfen nicht fahren. Damit sind Verbesserungen für U75 und U79 vorerst vom Tisch.
von Arne Lieb

DÜSSELDORF | Die Bestellung von neuen Stadtbahnen im Wert von 167 Millionen Euro entwickelt sich zum Desaster für die Rheinbahn – nun mit konkreten Folgen für Fahrgäste: Das Unternehmen muss die für Oktober angekündigte Taktverdichtung auf den Linien U75 und U79 stoppen. Grund ist, dass die ersten der 59 Fahrzeuge des Herstellers Bombardier so starke Mängel aufweisen, dass der Betrieb mit Fahrgästen nicht zugelassen würde. Die Technische Aufsichtsbehörde bestätigte entsprechende Informationen unserer Redaktion. Am Abend informierte die Rheinbahn in einer Pressemitteilung. Sie fordert, dass der Hersteller die Mängel umgehend beseitigt.

Eigentlich sollten in diesem Jahr schon 46 der 59 Fahrzeuge in Düsseldorf eingetroffen sein. Die Rheinbahn benötigt die Züge, um die 43 ältesten Stadtbahnen aus den 1970er Jahren zu ersetzen. 16 weitere Züge sollen dem Unternehmen eine engere Taktung auf wichtigen Linien ermöglichen.

Die Fertigung im Bombardier-Werk in Bautzen lief offenbar schon lange nicht so, wie die Rheinbahn erhofft hatte. Immer wieder beklagte das Unternehmen Verzögerungen bei der Lieferung, dazu kamen technische Probleme. Eine spektakuläre Panne machte die Züge vor zwei Jahren deutschlandweit bekannt: Ein Prototyp schrammte an einem Bahnsteig der Nachbarstadt Duisburg vorbei. Offenbar war nicht bedacht worden, dass dort manche Bahnsteige breiter angelegt sind.

Die ersten drei Fahrzeuge trafen im Winter ein, die Rheinbahn konnte daher zumindest mit der Schulung der Fahrer beginnen. Das Unternehmen hoffte darauf, dass die Zulassung bis Oktober vorliegt und dann auch weitere Züge ausgeliefert sind. Das ist nun vom Tisch: Die Technische Aufsichtsbehörde teilte unserer Redaktion mit, dass der Einsatz für die Fahrschule zwar weiterhin erlaubt ist, nicht aber die Mitnahme von Fahrgästen. Bis die technischen Mängel behoben sind, will die bei der Bezirksregierung ansässige Prüfbehörde – eine Art TÜV für Bahnen – auch keine weiteren Fahrzeuge aus der Reihe zulassen.

Von der Rheinbahn heißt es, ein Dienstleister im Auftrag des Verkehrsunternehmens habe bei einer Prüfung etliche Mängel gefunden. So gebe es Abweichungen von den Bauunterlagen im Bereich der Schweißnähte, beim verwendeten Grundmaterial bei der Herstellung des Wagenkastenuntergestells sowie bei der Tür- und Trittstufensteuerung. Die Rheinbahn hat einen Gutachter eingeschaltet.

Die ersten Angaben des Unternehmens deuten darauf hin, dass sich die Mängel nicht schnell beheben lassen werden. Die Rheinbahn habe die Annahme der Bahnen gestoppt, nun sieht sie den Hersteller am Zug. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Fahrzeuge nicht im vertraglich vereinbarten Zustand produziert worden sind“, wird Technik-Vorstand Michael Richarz zitiert. Welche Auswirkungen dies auf die Verkehrssicherheit und Langlebigkeit der Bahnen habe, müsse bewertet werden. „Wir haben die Geschäftsführung von Bombardier aufgefordert, den Sachverhalt umgehend und transparent aufzuarbeiten.“

Nicht nur die Rheinbahn hat derzeit Probleme mit Fahrzeugen von Bombardier. Die Schienensparte des Unternehmens steht vor der Übernahme durch den französischen Konkurrenten Alstom. In diesem Zusammenhang wurde zuletzt deutlich, dass auch andere Kunden unter Mängeln leiden. Es sei nicht hinnehmbar, dass Bombardier seit Jahren keine Lösung finde, Liefer- und Qualitätsprobleme nachhaltig zu beseitigen, hieß es kürzlich in einem Schreiben an die Unternehmensführung, das von mehreren Verbänden stammte, darunter die Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr. Rheinbahn-Vorstand Richarz berichtet, Bombardier habe noch vor wenigen Tagen zugesichert, dass die Düsseldorfer die Taktverdichtung im Oktober umsetzen können.

Die Rheinbahn bereitet derweil die Vergabe des nächsten, noch größeren Auftrags für Stadtbahnen vor. Das Unternehmen will 91 Bahnen mit Option auf 42 weitere bestellen und damit die roten Stadtbahnen aus den 1980er Jahren ersetzen. Der Aufsichtsrat soll Anfang September der Vergabe zustimmen. Dem Vernehmen nach wurde der Termin bewusst so gelegt, dass die Politik die Großbestellung noch vor der Kommunalwahl am 13. September verkünden kann. Erneuerung und Ausbau des Rheinbahn-Fuhrparks gelten als wichtige Bausteine für eine Stärkung des Nahverkehrs.