Künstler denken ans Aufgeben
Eine Umfrage zeigt, dass die Landeshilfe oft nicht bewilligt wird – und häufig gar nicht beantragt. Manche wollen die Kunst sein lassen.
Von Oliver Burwig

Welche Alternativen haben Künstler, die Corona finanziell in die Knie zwingt? Diese Frage ist für viele Menschen in der Kulturszene hochaktuell, wie eine anonyme Online-Umfrage des Rats der Künste Düsseldorf zeigt. Das Gremium hatte gemeinsam mit dem städtischen Kulturamt um die Teilnahme an der Befragung vom 15. Juni bis 15. Juli geworben. 310 Selbstständige aus dem Kunst- und Kulturbereich sowie 51 Veranstalter (unter anderem von Festivals) hatten den Fragebogen vollständig ausgefüllt und dabei offengelegt, wie groß die Angst in der Branche ist – und wie berechtigt.

Corina Gertz, Fotografin und Modedesignerin, spricht für den Rat der Künste, und sie ist von den Ergebnissen überrascht: „Man hat oft gehört, dass Künstler sich keine Rücklagen schaffen. Wir waren sehr erstaunt, dass der Durchschnitt der Befragten angab, über finanzielle Reserven für 5,5 Monate zu verfügen, und diese auch zu nutzen.“ Dies dürfe jedoch nicht über ein Problem hinwegtäuschen, das ihr und ihren Kollegen beim Zusammenfassen der Angaben auffiel: „Man holt sich erst einmal Kredit bei Verwandten und Freunden, viele haben gar nicht das Selbstbewusstsein, eine öffentliche Förderung zu beantragen.“

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Befragten sollten auch angeben, was sie für sinnvolle Lösungen gegen die Krise halten. Gleich hinter Platz eins, den 7000-Euro-Arbeitsstipendien, die das Land 15.000 Mal ausgeschrieben hat, steht „Beratung bei den Soforthilfe-Programmen“. „Oft ist den Künstlern nicht klar, worum es bei den Förderungen geht“, sagt Gertz. Sie sieht Klärungsbedarf bei Ateliermieten, Material- und Betriebskosten. Dabei soll eine Online-Fragestunde weiterhelfen, die der Rat der Künste gemeinsam mit dem Kulturamt Anfang September veranstalten will: Ein Steuerberater soll zuvor gesammelte Fragen in einem Video beantworten, zusätzlich können Betroffene per Chat eigene Fragen stellen, die im Livestream aufgegriffen werden.

Nicht nur bei den Finanzen gibt es Fragezeichen: Gut die Hälfte der Künstler teilte mit, Beratungsbedarf „zu den Corona-Hygiene- und Abstandsbestimmungen“ zu haben. Weniger leicht dürfte Platz fünf auf dem „Wunschzettel“ der Befragten zu erfüllen sein: Nach den Vorschlägen „Zuschuss zur Ateliermiete inkl. Nebenkosten“ und „Austausch zur Entwicklung von Alternativformaten“ steht dort schlicht „Bedingungsloses Grundeinkommen“.

Die Befragten gaben an, insgesamt 179 Anträge für die 2000-Euro-Förderung des Landes gestellt zu haben, nur 79 seien bewilligt worden. Besser sah es für die Künstler bei der 9000-Euro-Hilfe aus: Von den 196 eingereichten Anträgen der Befragten habe das Land 180 stattgegeben. Die meisten Befragten hätten jedoch keine Hilfe beantragt. Gleichzeitig hat Gertz von Fällen gehört, die diese bitter nötig gehabt hätten: Einige Musiker hätten Arbeitslosengeld II beantragt (Hartz IV) und seien dabei auf Sachbearbeiter gestoßen, die ihnen erklärt hätten, dass ein Anspruch nur bestehe, wenn sie ihre Instrumente verkauften. „Es ist ja nicht das Problem, dass diese Leute nicht arbeiten wollen“, sagt Gertz: „Sie dürfen es nicht.“ Zudem hätte es ihrer Ansicht nach durchaus Möglichkeiten im Veranstaltungsbereich gegeben, die Auftrittsverbote für geschlossene Räume durch Angebote unter freiem Himmel zumindest etwas auszugleichen: „Man hätte die Seebühne des Asphalt-Festivals doch auch noch ein paar Monate stehenlassen können und darauf Konzerte veranstalten.“

Neben den Musikern hätten die Corona-Verordnungen auch andere darstellende Künstler die Bühne und damit ihr Einkommen gekostet, bildende Künstler hätten laut der Befragung trotz Ankäufen der Stadt nur wenig eingenommen. Durchschnittlich betrug der Einnahmeverlust bei allen Befragten 59,3 Prozent.

Zusätzlich zum fehlenden Geld wird aus den ausformulierten Antworten auf die Frage „Womit haben Sie zurzeit am meisten zu kämpfen?“ noch ein weiteres Problem deutlich: Den Künstlern fehlen Auftritte, Kontakte und soziales Miteinander. Zwischen „Auftragsmangel“, „Geld“ und „Existenzängste“ liest man etwa auch „Depressionen“, „Einsamkeit“ und „Isolation“. Aus vielen der Antworten in den Fragebögen spricht die Angst vor der Zukunft. So sagte etwa die Hälfte der Befragten, sie hätte große Befürchtungen, was das Jahr 2021 betrifft, 62 erwogen gar, ihren Beruf aufzugeben. „Die Frage ist nur: Was passiert dann?“, sagt Gertz. Sie vermutet, dass eine Befragung ein halbes Jahr später noch größere Besorgnis abgebildet hätte. Der Rat der Künste denkt deshalb auch über eine Wiederholung der Umfrage nach, in aktualisierter Form.

Info
Den Rat der Künste gibt es seit dem Jahr 2018

Mitglieder Unter anderem Eva Birkenstock (Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen), Robert Koall (Schauspielhaus-Chefdramaturg), Annette Krohn (Veranstaltungsmanagerin Zentralbibliothek und Stadtbüchereien), Jochen Molck (Zakk-Geschäftsführer), Jochen Reiter (Aquazoo-Direktor), Stefan Schweizer (Vorstand Stiftung Schloss und Park Benrath), Achim Spyra (Inhaber KIT-Café), Bojan Vuletic (Künstlerischer und geschäftsführender Leiter des Asphalt-Festivals).