Serie Forschung in Düsseldorf

Warum die Kneipe wichtig ist
   Foto: Andreas Bretz
Justus Haucap, Ökonom an der Uni Düsseldorf, warnt vor den sozialen Folgen des Kneipensterbens.

Der Düsseldorfer Ökonom Justus Haucap sorgt sich um den sozialen Zusammenhalt, wenn kleine Lokale im Viertel verschwinden.

VON UTE RASCH

„Ein Bierzapf ist ein gutes Gewerbe“, fand Shakespeare vor über 400 Jahren. Doch die alte Gewissheit gilt längst nicht mehr. Schon lange ist das „Wohnzimmer der Deutschen“ in der Krise, seit Corona erst recht. Dabei wäre die traditionelle Eckkneipe gerade jetzt wichtiger denn je, als ein Ort der zwanglosen Kommunikation. Man trinkt ein paar Bierchen, redet über das Wetter, die Weltlage, die alltäglichen Sorgen. „Menschen gehen ja nicht in die Kneipe, weil sie so durstig sind, sondern sich austauschen wollen“, sagt Justus Haucap, Professor für Ökonomie an der Uni Düsseldorf. Für den Wissenschaftler ist die Kneipe ein Ort des sozialen Zusammenhalts. „Und der ist in Gefahr.“

Düsseldorfs Wirte haben harte Monate hinter sich. Wer eine Terrasse hat, war vergleichsweise gut dran. Die klassische Eckkneipe aber hat einen Tresen, davor Hocker, vielleicht ein paar Tische. Nähe statt Distanz ist das Prinzip. Ohne Abstandsregeln. „Viele Wirte werden das nicht überleben oder haben längst aufgegeben“, so Haucap. In Zahlen: Seit 2012 wurden rund zehn Prozent der 34.000 Kneipen in Deutschland geschlossen, die Auswirkungen von Corona nicht mitgerechnet. Das liegt, so der Wissenschaftler, einerseits daran, dass die Betriebskosten in den letzten Jahren stark gestiegen sind, auch an hohen Mieten.

Andererseits haben gerade junge Menschen ihr Verhalten verändert. Man trifft sich eher im Café oder Bistro, bestellt Burger-Variationen statt Bulette oder zieht mit ein paar Flaschen zum Rheinufer. Außerdem sind viele Vereine, die sich traditionell in Kneipen treffen, für die Jungen unattraktiv. „So hat sich der Austausch vom Stammtisch in die sozialen Netzwerke verlagert. Auch da kann jeder mitreden, auch Blödsinn.“ Doch in der Kneipe prallen – im Gegensatz zur Filterblase im Netz – unterschiedliche Meinungen aufeinander, werden Probleme direkt diskutiert. „Und wenn es dem Wirt zu bunt wird, kann er immer noch eingreifen.“

Generell würde die gesellschaftliche Funktion der kleinen Lokale im Viertel, die ganz selbstverständlich Verbundenheit schaffen, unterschätzt. Justus Haucap warnt: „Wenn die Kneipen sterben, leidet das soziale Gefüge.“ Denn im abendlichen Ritual am Tresen würden ja nicht nur Informationen ausgetauscht („Bei uns im Haus wird eine Wohnung frei!“), sondern in der vertrauten Runde achte man auch aufeinander („Hab den Fritz lange nicht gesehen, ist der krank?“). In dieser Hinsicht, so der Wissenschaftler, sei die Eckkneipe eigentlich unbezahlbar. Das Vertrauen, das da beim Plausch am Tresen ganz nebenbei entsteht, nennt der Wissenschaftler „Sozialkapital“. Ein Gut, das auch in Firmen wichtig sei. „Wenn man sich vertraut, steigt die Arbeitsproduktivität, weil man sich nicht ständig kontrollieren muss.“

Was also tun, wenn sich für immer mehr Wirte der Betrieb einer Kneipe nicht mehr lohnt? Justus Haucap verweist auf Genossenschaftsmodelle, wie sie bereits in ländlichen Regionen gegründet wurden. Als Vorbild könnten die Community Pubs in England dienen. Sie gehören oft 200 Menschen aus einem Dorf oder Stadtviertel, der Vorstand bestimmt einen Wirt, der als Angestellter arbeitet, oft teilen sich diesen Job auch mehrere Mitglieder. „Das könnte ein Weg sein.“ Denn gerade in der Corona-Zeit, in der viele Menschen vereinsamen, gilt das oberste Prinzip der Eckkneipe: Es ist vielleicht nicht so wichtig, worüber man spricht, sondern, dass man spricht.

Info

Einflussreicher Ökonom aus Düsseldorf

Zur Person Justus Haucap (51), seit 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Düsseldorf. Haucap ist verheiratet und hat vier Kinder, er wohnt in Gerresheim.

Weitere Tätigkeit Haucap ist Gründungsdirektor des Düsseldorfer Instituts für Competition Economics (DICE), das auf Initiative der Unternehmer-Familie Schwarz-Schütte an der Uni gegründet wurde. Von 2008 bis 2012 war er Vorsitzender der Monopolkommission des Bundes.

Bedeutung Er gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland, dessen Rat von der Politik geschätzt wird. Haucap mischt sich immer wieder die öffentliche Debatte ein, er gilt auch als Befürworter der Legalisierung von Cannabis. Schwerpunkt seiner aktuellen Forschung ist Wettbewerb und Monpolisierung in der digitalen Wirtschaft, etwa durch Amazon oder Google.