Der OBV setzt auf eigenen Nachwuchs
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OBV-Vorsitzender Jürgen Eimer (roter Pulli) und pädagogische Leiterin Elisabeth Funke (rechts daneben) mit elf von 19 Auszubildenden.    

Offenheit, Bildung, Vertrauen – dafür steht der Name OBV Meerbusch. Der Verein betreut aktuell knapp 1900 Kinder an neun Schulen und in zwei Kitas. Seit 2004 bildet er selbst aus. Probleme bereiten Fachkräftemangel und Corona-Krise.

Von Verena Bretz

MEERBUSCH | Was ist schon normal? Laura Katharina Köhnen lächelt. „Sagen wir mal so: Meinen Lebenslauf kann ich seit diesem Frühjahr auf jeden Fall mit dem Zusatz ,Erprobt in Krisenmanagement’ ergänzen. Denn was wir seit Corona erleben, ist schon extrem“, sagt die Studentin der Sozialen Arbeit. Sie arbeitet parallel zum Studium im Offenen Ganztag an der Theodor-Fliedner-Schule in Lank, wo es kurz vor den Sommerferien bereits Coronafälle gab. Im Herbst startet Laura ins fünfte Semester – ob online oder in Präsenzveranstaltungen, ist unklar.

Laura gehört zu den insgesamt 19 jungen Menschen, die der OBV Meerbusch – die Abkürzung steht für Offenheit, Bildung, Vertrauen – derzeit ausbildet. Acht von ihnen sind angehende Erzieher, fünf machen beim OBV ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Offenen Ganztagsschule (OGS), und sechs haben sich für ein dreieinhalbjähriges, praxisbegleitendes Studium der Sozialen Arbeit oder der Kindheitspädagogik entschieden.

„Wir legen großen Wert darauf, unseren Nachwuchs selbst auszubilden“, sagt Jürgen Eimer, Vorsitzender des OBV, der seit dem Jahr 2004 bereits 75 Erzieher und 73 FSJ-ler ausgebildet hat. „Unser Ziel ist es natürlich, dass unsere Leute nach der Ausbildung auch in einer unserer Einrichtungen bleiben.“ Immerhin investiert der OBV viel Geld in die Ausbildung der Nachwuchskräfte: Im Jahr sind es rund 210.000 Euro an Personalkosten. Dennoch gibt es auch in den Einrichtungen, für die der OBV als Trägerverein zuständig ist, Fachkräftemangel. „In unserer Kita Schatzinsel in Strümp etwa sind derzeit 2,5 Stellen nicht besetzt, obwohl wir händeringend suchen“, klagt Eimer.

Gründe für den Fachkräftemangel gibt es seiner Meinung nach mehrere. Zum einen gehe der Trend bei den Berufsanfängern eindeutig Richtung Teilzeit. „Das ist bei der Betreuung von Kindern bis in den späten Nachmittag natürlich ein großes Problem“, so Eimer. Zum anderen gelten beim OBV hohe Qualitätsanforderungen. „Wir suchen auch für unsere OGS ausschließlich Fachpersonal, obwohl es für den Ganztag in dieser Hinsicht überhaupt keine Vorgaben gibt“, betont Eimer. Um die besten Leute für die Einrichtungen des OBV zu gewinnen - das sind zwei Kitas und der Offene Ganztag an den acht Meerbuscher Grundschulen und der Realschule Osterath - zahlt der Verein nach dem besten Tarif und bietet mehr Urlaubstage als andere Träger in der Region. Eimer: „Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber.“ Aber selbst, wenn ausreichend junge Leute sich zum Erzieher ausbilden lassen wollten, gäbe es gar nicht genug Lehrer, um diese auszubilden. Eimer: „Der Fachkräftemangel ist tatsächlich ein komplexes Problem.“

Um sich bereits vor der Berufswahl zu orientieren, sei das FSJ eine gute Gelegenheit, meint Elisabeth Funke, pädagogische Leitung beim OBV. Das bestätigt Lucas Rommerskirchen, der erst vor wenigen Tagen sein FSJ an der Brüder-Grimm-Schule begonnen hat. „Ich schwanke tatsächlich zwischen dem Wunsch, etwas Soziales zu machen oder Informatik zu studieren. Von meinem FSJ erhoffe ich mir jetzt eine Entscheidungshilfe“, sagt er. Ähnlich war es bei Antonia Frangen. Ihr ursprünglicher Plan sah ein duales Studium der Sozialen Arbeit vor. „Dann habe ich ein Praktikum bei der Kita Glückskinder gemacht, und das hat mir so gut gefallen, dass ich mich jetzt für das Studium der Kindheitspädagogik entschieden haben“, erzählt sie. Nun freut sie sich auf ihren Studienbeginn im Oktober.

Elisabeth Funke, die bei Problemen der Mitarbeiter erste Ansprechpartnerin ist, blickt eher mit Sorge Richtung Herbst. „Wegen des Risikos einer Corona-Infektion fällt unser Personal aktuell bereits mit einer leichten Erkältung aus. Wie soll das erst werden, wenn die Erkältungssaison richtig beginnt?“, fragt sie. Denn Ziel des OBV sei es, seine Auszubildenden stets gut zu betreuen und sie nicht als Arbeitskraft auszunutzen. Funke: „Wie schaffen wir das in der Corona-Krise und in Zeiten von Fachkräftemangel?“

Claudia Hillen, die als Erzieherin im dritten Ausbildungsjahr in der Kita Schatzinsel arbeitet, empfindet die derzeitige Situation am Arbeitsplatz bereits jetzt als „dramatisch“: „Wir alle arbeiten im Moment am Limit. Das ständige Desinfizieren raubt Zeit, die uns schließlich am Kind fehlt. Das ist schade.“

Elisabeth Funke berichtet außerdem von Konflikten mit Eltern, die es in der Corona-Krise auch gegeben habe. „Natürlich hat es auch bei uns gedauert, bis wir in den neuen Abläufen eingespielt waren.“ Zu Frust habe außerdem geführt, dass sämtliche gemeinsamen Aktionen und Feiern ersatzlos abgesagt werden mussten. „Uns war vorher nicht bewusst, dass diese Dinge so wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl sind“, sagt Funke. „Mittlerweile haben wir aber Ideen entwickelt, wie wir bestimmte Aktionen trotzdem machen können.“

INFO

Der OBV Meerbusch betreut 1874 Kinder

Schulen Der OBV Meerbusch betreut im Schuljahr 2020/21 mit rund 170 Mitarbeitern derzeit 1197 Kinder an den Meerbuscher Grundschulen im Offenen Ganztag (OGS), 459 Kinder in der Verlässlichen Grundschule (VGS, Betreuung bis 14 Uhr) und 20 an der Realschule. Zurzeit werden 40 Flüchtlingskinder an sieben Grundschulen betreut. Insgesamt werden 1676 Schüler beim OBV betreut.

Kitas In der Kita Schatzinsel werden in sechs Gruppen 108 Kinder betreut. In der neuen Kita Glückskinder sind es 90 Kinder.

Mitglieder Der OBV Meerbusch hat derzeit 1878 Mitglieder.