Ein Ort für bedrohte Tierarten
   rp-Foto: Andreas Bretz
Regelmäßig zupfen und jäten Mitglieder des Naturschutzbundes Unkraut und Gestrüpp im Biotop in Angermund.

Viele Helfer räumten im Feuchtbiotop in Angermund auf, um den Lebensraum für seltene Vögel und Kröten zu sichern.

Von Tino Hermanns

ANGERMUND | Ohne schweres Gerät ging gar nichts. „Wir mussten einen Traktor vorwegschicken, um zu unserem Einsatzort zu kommen“, erzählt Gerda Hucklenbroich. „Alles war zugewuchert, da gab es zu Fuß kein Durchkommen. Und dabei war gerade einmal ein halbes Jahr vergangen, nachdem wir unsere letzte Pflegeaktion gemacht haben.“ Das vom Naturschutzbund (Nabu) Düsseldorf gepachtete Feuchtbiotop am Heiderweg in Angermund bedarf regelmäßig menschlicher Unterstützung, um seiner Aufgabe als Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten gerecht zu werden.

„Unser Nabutop ist Heimat für 30 Brutvogelarten, darunter Nachtigall, Gelbspötter, Grün- und Buntspecht oder Teichrohrsänger, die auf der Roten Liste stehen. Regelmäßig werden auch Bekassine, Braunkehlchen, Kornweihe, Rotmilan und Waldwasserläufer beobachtet“, erläutert Biologe Norbert Tenten. „Auch die Reproduktionsrate der Kreuzkröte hat sich sehr positiv entwickelt. Die Kreuzkröte ist übrigens die Zielart dieses Biotops.“

Deshalb gilt auf den 4000 Quadratmetern ausnahmsweise auch „Kröte vor Baum“. So entfernten die 20 freiwilligen Helfer der Aufräumaktion mehrere hundert Schösslinge und kleinere Bäume, entfernten massenweise Schilf oder gruben Löcher, die mal Laichreviere werden sollen. „Beispielsweise Robinien können mithilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft sammeln und sich quasi selber düngen. Das bringt Stickstoff in den Boden, aber wir wollen den Boden nährstoffarm halten, damit sich unter anderem auch der Wasserschlauch wohlfühlt.“ Wasserschlauch ist eine fleischfressende Pflanze, die nährstoffarme Böden benötigt, um zu wachsen. „Das Nabutop ist einer von nur zwei Standorten in Düsseldorf, wo der Wasserschlauch zu finden ist“, macht Tenten klar.

Das Nabutop ist sozusagen ein Abfallprodukt der beiden Baggerseen, zwischen dem das Naturparadies liegt. „Ausgeschwemmte Sandbestandteile der Kiesbaggerei sind hier abgelegt worden“, erläutert Sebastian Röder (Stiftung Rheinische Kulturlandschaft). „Dadurch wurde ein Gebiet geschaffen, das früher durch mäandrierende Flüsse natürlich entstanden sind. Durch die Flussbegradigungen fielen die Gebiete weg und damit auch Lebensräume für Pflanzen, Insekten und Vögel.“ Im Nabutop funktioniert die Renaturierung jedenfalls prächtig.

Pro Quadratmeter sind bis zu 50 verschiedene Pflanzenarten zu finden, jede ist Nahrung für sechs bis sieben Insektenarten, die wiederum mehreren verschiedenen Vogelarten als Nahrungsquelle dienen. Und dass obwohl wenige Nährstoffe im Boden zu finden sind. Aber, entgegen jeder Gärtnerregel, blüht, wächst und gedeiht es prächtig, wenn nicht gedüngt wird. Der Natur einfach freien Lauf lassen ist aber nicht möglich. „Der Wind weht ständig Dünger von den umliegenden Feldern herüber, sodass sich der Nährstoffgehalt des Bodens anreichert und sich Pflanzen ansiedeln, die andere verdrängen“, so Rödel. „Würde der Mensch nicht regelmäßig korrigierend eingreifen, würde spätestens nach fünf Jahren ein Wald entstanden sein, und das wäre es für die Kreuzkröte gewesen.“

Also wurde jetzt wieder gefällt, gezupft, zerkleinert, gejätet und gegrubbert (Lockerung und Krümelung des Bodens), um die Wurzeln des Schilfgrases zu entfernen. Landwirt Sven Ahlemeyer sammelte mit seinem Traktor alles ein. „Es war richtig anstrengend und wir sehen aus wie die Schweine“, sagt Nabu-Düsseldorf-Vorsitzende Hucklenbroich. „Aber es hat wie immer riesigen Spaß gemacht. Auch weil einige Helfer dabei waren, die nicht Mitglied im Nabu sind.“ Sowieso erfährt der Nabu in der Corona-Krise regen Zulauf. „Die Menschen suchen einen Ausgleich zu Homeoffice und Social Media. Sie wollen in die Natur“, so Hucklenbroich. „Sie werden zwar nicht unbedingt Mitglied, aber sie helfen bei unseren Aktionen gerne mit.“

Der Nabu Düsseldorf würde gerne auch weitere Flächen um das bestehende Nabutop herum zur extensiven Pflege übernehmen, um noch mehr bedrohten Tier- und Pflanzenarten ein Überleben zu sichern. „Biotope wie das in Angermund sind selten“, resümiert Tenten. „Sie haben einen ganz eigenen Charakter, machen aber viel Arbeit. Aber sie sind es wert, erhalten zu werden.“